Diese Frage stellst du, lieber Bernd, und beantwortest sie auch gleich. „Johann“ muss sich natürlich nicht ändern, sondern die Welt um ihn herum, das „System“, das gesellschaftliche und schulische. Er muss sich nicht entwickeln, er kann und soll so bleiben, wie er ist, kann die Arme verschränken und fordern: „Macht was, mir geht es nicht gut genug, vielleicht mache ich dann auch was. Vielleicht“.
Die Welt wird seinen neuronalen Divergenzen nicht gerecht genug, sie ist in Deutschland nach deiner Meinung immer noch zu wenig individualisiert, also differenziert und vereinzelt. Immer noch herrscht der Blick auf die Gemeinschaft im altbackenen Frontalunterricht vor, und es gibt zu wenig offene und freie Formen des Lernens, die das Individuum in den Blick nehmen, zu wenig Projekt- und jahrgangsübergreifenden Unterricht.
Das ist das Rezept fortschrittlicher Pädagogik seit Jahrzehnten in Deutschland, und es geht immer weiter bergab. Ein guter, lehrerzentrierter Frontalunterricht als Unterbau und Basis darauf aufbauender Differenzierungen könnte die Lösung sein, genauso wie er in den asiatischen Siegerländern der Pisa-Studien gehandhabt wird. Aber das ist für dich und deinesgleichen Teufelswerk, „schwarze Pädagogik“. (Das ergibt sich für mich jedenfalls aus dem, was du schreibst.)
Was ist ein Hauptproblem westlich sozialisierter Kinder und Jugendlicher, wahrscheinlich besonders derer in Deutschland? Sie können sich nicht mehr auf eine leitende Person ausrichten, weder zu Hause, noch in der Schule, sondern kreisen um sich selbst: Was will ich und wie lange und warum nicht mehr? Hierarchien sind auch so ein Teufelswerk. Dabei gehören sie zum Leben, und es kommt nur darauf an, dass sie transparent sind und dass ein offener Austausch über sie möglich ist, jedenfalls bis zu einer Entscheidung.
Subjektive Befindlichkeiten, Launen und Stimmungen interessieren keinen, wenn es wirklich um das Leben geht, um das Stillen eines realen Hungers zum Beispiel. (Wer kennt ihn nicht, den berühmten Ausspruch Berthold Brechts: Erst kommt das Fressen, dann die Moral der Neurodivergenz!) Dann geht es nicht mehr um mentale Verunsicherungen. Dann muss jeder seinen Beitrag leisten, ob er „Lust“ , ADHS, Autismus oder was auch immer hat oder nicht. Entweder er macht positiv mit, bemüht sich zumindest ernsthaft und ausdauernd darum, oder er geht unter. Kinder brauchen dazu natürlich die Erwartung, dass sie das so machen, ihrer verantwortlichen erwachsenen Führungs-und Bezugspersonen und deren Anleitung und Hilfe. Wer die Verantwortung trägt, muss auch führen dürfen und umgedreht.
Aber warum sollte ein Mensch hier in Deutschland positiv mitmachen, nicht nur in der Familie, Schule, dem Sportverein oder der Firma, sondern etwa auch noch als Mitglied einer nationalen Gemeinschaft? Es wird ja immer ein Grund gesucht und gefunden, warum er das – gerade – nicht kann, auch bei einem guten Willen nicht. Wirklich beim besten Willen nicht?
Das wird ja – vor allem bei Kindern und Jugendlichen – gar nicht mehr erwartet, geschweige denn, eingefordert. Gott bewahre bzw. die vielen individuellen Störungen, die es gibt. Wenn es keine neurodivergenten sind, dann ist ja auch noch die gute alte Pubertät eine hilfreiche Erklärung für das Nicht-Können bzw. Nicht-Wollen oder das Kreisen darum, ob ein junger Mensch nun mehr ein Mädchen oder ein Junge sein will und das vielleicht sogar noch als ein Fuchs. Nichts ist unmöglich in unserer so schön vereinzelten multidivergenten Welt.
Allerdings ist das nur für übersättigte, dekadente Gesellschaften typisch, keinesfalls für China, Singapur oder Vietnam. Aber Gemach, das Problem löst sich: Die Produktivität wird durch diese Denk- und Lebenskultur in Deutschland immer weiter sinken und damit auch der Lebensstandard, und schon ist der Dekadenz ihre Grundlage entzogen. (Sage also keiner, ich würde die „deutsche Demokratie“ schlecht reden.)
Deutschland ist – noch – übersättigt, seine Jugend versinkt im Überdruss und Langeweile. „Experten“ wie du sehen ihre Aufgabe darin zu erklären, dass „neuronale Divergenzen“ die Ursache sind, und die Kinder nicht schuld sind. Das sind sie auch nicht. Das sehe ich auch so, die Erwachsenen tragen die Verantwortung dafür, alle, sowohl die im privat-familiären als auch die im schulischen Kontext, vor allem aber die Politiker, die dafür verantwortlich sind, welche Denkweisen, welche Lebensphilosophien in einer ganzen Gesellschaft angesagt sind, individualistische wie besonders in Deutschland oder gemeinschaftliche wie in China oder auch den USA..
Ist die Materie primär oder der Geist? Das war die Grundfrage der Philosophie. In diesem Kontext frage ich: Sind subjektive Befindlichkeiten, Gefühle, Launen, Stimmungen primär oder sachliche Notwendigkeiten. Hierzu gehört auch mein Gedanke aus dem 11. Beitrag, dass viele aus dieser Innenorientierung heraus seit Jahrzehnten in Deutschland verlernt haben, ihre Impulse zu kontrollieren und dass das lebensgefährlich für sie und ihre Mitmenschen wird.
Dass Kinder in Deutschland heute viel weniger anstrengungsbereit sind als frühere Generationen, dass sie Frustrationen, die zum Leben gehören, eher aus der Bahn werfen, als das früher der Fall war, ist ein Ergebnis des heutigen Lebens- und Erziehungsstils. Den müssen wir ändern, dann mindert sich auch die Explosion plötzlicher und geheimnisvoller psychischer Störungen. Krankheiten und Entwicklungsstörungen sind immer ein Resultat der Lebensweise. Das zeigt sich zum Beispiel auch ganz deutlich bei der massiven Zunahme der Diabetes in Deutschland. Analog verhält es sich nach meiner Überzeugung mit Autismus und ADHS. Eine Gesellschaft, die sich immer mehr auf das einzelne Individuum fokussiert, die immer mehr fragt, wie sich Gemeinschaften besser an das anpassen können, was Einzelne wollen, „züchtet“ „Autismus“ regelrecht heran.
Natürlich, es gibt auch einen „echten“ neuronalen frühkindlichen Autismus, aber der aufgesetzte, künstlich erzeugte „Pseudoautismus“ nimmt hier in Deutschland immer mehr zu. Ich habe das schon mehrmals auf dieser Seite thematisiert, zum Beispiel im 7. Beitrag oder im 9. Beitrag. Das gilt auch für ADHS. Wir müssen uns doch nur angucken, wie wir leben: Wenig wird in Ruhe und konzentriert zu Ende gemacht, ständig machen wir mehrere Dinge zugleich, springen von einem zum anderen. Natürlich gibt es auch hier biologische Veranlagungen, aber das Entscheidende ist – jedenfalls für die massenhafte Steigerung – nach meiner Überzeugung unsere Lebensweise. Damit vertrete ich ein optimistisches Menschenbild: Wir sind nicht geheimnisvollen Krankheiten und Störungen ausgeliefert, wir sind nicht Opfer eines Schicksals, sondern können selbst etwas machen.
Lieber Ralf,
deine Frage „Muss Johann sich ändern – oder die Welt um ihn herum?“ trifft tatsächlich einen Kern unserer Diskussion.
Nur würde ich sie nicht als Entweder-oder-Frage stellen.
Natürlich muss Johann sich entwickeln. Kinder und Jugendliche brauchen Orientierung, Rückmeldung, Grenzen und manchmal auch die Erfahrung, dass nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann.
Darin unterscheiden wir uns vermutlich gar nicht so sehr.
Der entscheidende Punkt ist für mich ein anderer:
ENTWICKLUNG IST NICHT DASSELBE WIE ANPASSUNG.
Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, bestimmte Anforderungen zu erfüllen, muss ich zunächst fragen, warum.
Fehlt ihm Wissen?
Fehlt ihm Übung?
Fehlt ihm Motivation?
Oder ist die Anforderung aufgrund seiner Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Kommunikation oder anderer neurobiologischer Voraussetzungen erheblich schwerer zu bewältigen?
Genau hier beginnt für mich Neurodiversität.
Ein Kind darf nicht einfach von jeder Anforderung freigestellt werden.
Aber ebenso wenig darf die Umwelt sagen:
„So sind nun einmal unsere Regeln – passe dich gefälligst an.“
Mein Grundsatz wäre deshalb:
So viel Selbstbestimmung wie möglich,
so viel verantwortliche Begrenzung wie nötig –
und so viel Veränderung der Umwelt wie sinnvoll.
Das bedeutet auch:
Johann trägt Verantwortung.
Aber die Erwachsenen tragen ebenfalls Verantwortung dafür, welche Bedingungen sie schaffen.
Ein einfaches Beispiel:
Ein kurzsichtiger Schüler muss lernen, aufmerksam zu arbeiten.
Wir würden aber nicht verlangen, dass er sich stärker anstrengt, die Tafel ohne Brille zu lesen.
Die Brille nimmt ihm weder Verantwortung noch Entwicklung ab.
Sie schafft erst die Voraussetzung dafür, dass er teilnehmen kann.
Ähnlich sehe ich Nachteilsausgleich, Reizreduktion, alternative Kommunikationswege oder eine veränderte Art, Anforderungen zu formulieren.
Das sind keine Kapitulationen vor dem Kind.
Sie können überhaupt erst ermöglichen, dass Entwicklung stattfindet.
Bei einem Punkt würde ich dir allerdings deutlich widersprechen:
Wenn wir von einem gesellschaftlich „herangezüchteten“ Autismus oder einem weit verbreiteten „Pseudoautismus“ sprechen, verlassen wir sehr schnell den wissenschaftlich gesicherten Boden.
Gesellschaftliche Bedingungen können Schwierigkeiten verstärken, sichtbar machen oder vielleicht auch Verhaltensweisen erzeugen, die autistisch wirken.
Das ist aber etwas anderes als Autismus als neuroentwicklungsbedingte Besonderheit.
Vielleicht liegt genau darin der interessante Unterschied unserer Perspektiven:
Du fragst stärker:
„Was muss der Einzelne lernen, damit Gemeinschaft funktioniert?“
Ich frage zusätzlich:
„Was muss Gemeinschaft lernen, damit unterschiedliche Menschen in ihr funktionieren können, ohne sich ständig selbst verleugnen zu müssen?“
Für mich gehören beide Fragen zusammen.
Und deshalb lautet meine Antwort auf deinen Titel:
JOHANN MUSS SICH ENTWICKELN.
DIE WELT UM IHN HERUM AUCH.
Herzliche Grüße
Bernd
Anpassung ist ein Teil und eine Vorraussetzung der Entwicklung. „Anpassung“ in ein schlechtes Licht zu setzen ist typisch für scheinfortschrittliches Denken. Man kann nur dann über sich hinausgehen, wenn man erst einmal und lange genug innerhalb der Erwartungen handelte, die das soziale Umfeld einem Individuum gegenüber hatte. Nur dann entsteht auch die Lust, eine Art positiver Wut, die gesetzten Grenzen zu überwinden. Entwicklung geht nur durch Widerstand und durch Widersprüche, die gelöst werden müssen.
Die pädagogische Kunst ist – da hast du recht -, dafür in jeder Situation das richtige Maß wieder neu auszutarieren. Deswegen muss funktionierende Erziehung immer kollegial sein. Einer allein sieht zu wenig, kann sich leicht auf falschen Wegen verrennen.
An deinem Vergleich mit der Brille ist was dran. Er hilft mir zugleich, genauer zu sagen, was ich meine: Multmillionäre können sogar goldene Brillen für ihre Kinder kaufen. Das Problem ist, dass sich in unserer Gesellschaft ein Anspruchsdenken wie das von superreichen Kindern entwickelt hat, das nun aber für alle gelten soll. Das ist unschaffbar, selbst in wirtschaftlich guten Zeiten. Jetzt beginnen aber die mageren Zeiten. Nun geht es darum zu begreifen, was die „Hauptfließrichtung“ ist (siehe 9. Beitrag), ob sich die Gemeinschaft mehr den Einzelnen anpassen soll oder ob umgedreht ein Schuh daraus wird.
Das Erste kann im Fall besonderer Bedürftigkeit im Fall von (kleinen) Kindern oder Kranken und/oder Behinderten funktionieren, wenn die allgemeine Grundlage der umgekehrte zweite Weg bleibt. Aber nur dann. Wenn jeder in einer Familie bzw. Gesellschaft wie ein Baby versorgt werden will, obwohl er aus diesem Alter (längst) herausgewachsen ist, zerbricht das ganze System.
Ob etwas „wissenschaftlich“ ist oder nicht, liegt am philosophischen Rahmen, innerhalb dessen empirische Daten gedeutet werden. Ein überzeugter Katholik zum Beispiel wird alle Daten anhand der Bibel bewerten. Ein Biologist, wozu du nach meiner Meinung neigst, pocht auf empirische Messdaten. Ich bin Erziehungsoptimist, werte Daten demnach anders als du. Es kommt auf die Gesamttendenz des Denkens an, darauf, was es in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation „bringt“. Deine Denkweise ist „wissenschaftlich“ etabliert, meine passt zu den politischen Notwendigkeiten und Besonderheiten der Zeit, wie sie sich aktuell in Deutschland entwickeln.
Lieber Ralf,
ich glaube, mit deiner Antwort kommen wir dem eigentlichen Unterschied zwischen unseren Positionen ziemlich nahe.
Zunächst: Ich setze Anpassung keineswegs grundsätzlich in ein schlechtes Licht.
Natürlich muss ein Mensch lernen, sich auf andere einzustellen, Regeln einzuhalten, Frustrationen auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und eigene Impulse zu kontrollieren. Ohne solche Fähigkeiten funktioniert weder eine Familie noch eine Schule noch eine Gesellschaft.
Auch darin sind wir uns vermutlich näher, als deine Beschreibung meiner Position vermuten lässt.
Aber ein Satz in deiner Antwort ist für mich entscheidend:
„Deine Denkweise ist wissenschaftlich etabliert, meine passt zu den politischen Notwendigkeiten und Besonderheiten der Zeit.“
Genau hier trennen sich für mich zwei Ebenen.
Wir können politisch und pädagogisch darüber streiten, wie viel Individualität und wie viel Anpassung eine Gemeinschaft verträgt oder benötigt.
Aber wir können nicht aufgrund einer politischen Notwendigkeit entscheiden, wodurch Autismus oder ADHS entstehen.
Natürlich ist auch Wissenschaft von theoretischen und philosophischen Annahmen geprägt. Welche Fragen wir stellen, welche Begriffe wir verwenden und welche Bedeutung wir Ergebnissen geben, ist nicht völlig voraussetzungslos.
Aber empirische Befunde setzen unseren Deutungen Grenzen.
Wenn Forschung über Genetik, Entwicklungsverläufe, Zwillingsstudien, Neurowissenschaft und frühe Gehirnentwicklung übereinstimmend darauf hinweist, dass Autismus und ADHS neuroentwicklungsbedingte Phänomene sind, kann ich diese Befunde nicht deshalb anders bewerten, weil eine andere Erklärung gesellschaftspolitisch gerade besser passen würde.
Das wäre für mich der entscheidende Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen und einer weltanschaulichen Aussage.
Und deshalb halte ich auch deinen Begriff des „Pseudoautismus“ für problematisch.
Dass unsere heutige Lebensweise Unruhe, Konzentrationsprobleme, Reizüberflutung oder soziale Schwierigkeiten verstärken kann, darüber können wir sehr ernsthaft diskutieren.
Ich halte diesen Gedanken sogar für wichtig.
Aber daraus folgt nicht, dass eine individualistische Gesellschaft Autismus „züchtet“.
Wir müssen unterscheiden zwischen
einer neurobiologischen Ausgangslage,
den Bedingungen, unter denen ein Mensch lebt,
und dem Verhalten, das daraus in einer konkreten Situation entsteht.
Gerade deshalb würde ich meine Position auch nicht als biologistisch bezeichnen.
Biologistisch wäre die Aussage:
„Das Gehirn ist eben so – die Umwelt spielt keine Rolle.“
Genau das sage ich nicht.
Ich sage vielmehr:
Biologische Voraussetzungen, individuelle Lerngeschichte, soziale Beziehungen und Umweltbedingungen wirken zusammen.
Und damit komme ich wieder zu Johann.
Dein Brillenbeispiel mit der „goldenen Brille“ überzeugt mich nicht ganz.
Ich fordere für Johann keine goldene Brille.
Ich möchte zunächst wissen, welche Brille er braucht, damit er überhaupt sehen kann.
Danach kann und soll er lesen lernen, sich anstrengen, Fehler aushalten, üben und Verantwortung übernehmen.
Die Brille erledigt das nicht für ihn.
Aber ohne sie kann aus der Forderung nach Anstrengung schnell die Forderung werden, eine Beeinträchtigung durch noch mehr Anstrengung zu kompensieren.
Das ist für mich der Kern von Nachteilsausgleich und einer neurodiversitätssensiblen Pädagogik.
Und auch bei einem weiteren Gedanken bin ich bei dir:
Entwicklung braucht Widerstand.
Aber Widerstand ist nicht dasselbe wie Überforderung.
Eine gute Pädagogik muss genau unterscheiden:
Wo fordere ich ein Kind heraus?
Wo gebe ich ihm Halt?
Wo setze ich eine Grenze?
Und wo verändere ich eine Bedingung, weil sie Entwicklung nicht fördert, sondern verhindert?
Du schreibst selbst, die pädagogische Kunst bestehe darin, dieses Maß immer wieder neu auszutarieren.
Da bin ich vollständig bei dir.
Vielleicht ist das sogar der Punkt, an dem unsere beiden Denkweisen wieder zusammenfinden können:
Ich möchte Johann weder zum Mittelpunkt der Welt machen noch ihn vor jeder Zumutung schützen.
Ich möchte ihn befähigen, in dieser Welt zunehmend selbständig und verantwortlich zu leben.
Aber dafür muss ich ihn zunächst so verstehen, wie er tatsächlich ist – und nicht so, wie eine Gesellschaft ihn gerade politisch brauchen könnte.
Herzliche Grüße
Bernd
Ich bin ja (wohl im Gegensatz zu dir) Akademiker. Aber diese theoretischen Diskussionen ermüden mich auf meine alten Tage. Ich halte mich lieber an die Praxis, an das, was dort funktioniert.
Und ich habe immer noch genug Gelegenheiten dafür, muss nicht ins primär theoretische Denken ausweichen.
Der „Nachteilsausgleich“ ist in einer Gesellschaft, die die individuellen Problemfälle wichtiger nimmt als die Interessen unauffälliger Mitmenschen, auch so eine Sache: Wer gleicht den Nachteil aus, den Schüler ohne auffälliges Verhalten erleiden, weil andere mit „neuronalen Divergenzen“ ihre Impulse nicht kontrollieren können bzw. sogar glauben, sich erst gar nicht ernsthaft und ausdauernd darum bemühen zu müssen, weil sie ja offiziell anerkannt einen guten Grund dafür hätten, ihre „neuronalen Divergenzen“?
Die erwachsenen verantwortlichen Begleit- und Erziehungspersonen halten die „besonderen“ Kinder nach meinen Eindrücken deswegen von vornherein zu wenig dazu an, ihre Emotionen im Interesse ihrer Mitmenschen bewusst zu regulieren. Schließlich sind sie gut weitergebildet (auf einen Autisten stürmen 1000 Reize ein, die kann er gar nicht kontrollieren und so weiter und so ähnlich), und das wollen sie auch zeigen. Dass dann Unauffällige öfter mal attackiert werden, ist im Vergleich dazu ein Kollateralschaden, der in den Augen der „guten“, pädagogisch speziell geschulten Pädagogen nicht weiter ins Gewicht falle, zumindest bis zu ernsthaften Verletzungen Unbeteiligter.
Also: Behinderte bedürfen der besonderen Rücksichtnahme, aber das darf nicht zu Lasten der anderen Kinder – und auch der Lehrer-gehen.
Lieber Ralf,
bei einem Punkt bin ich ausdrücklich bei dir:
Die Rechte und Bedürfnisse eines neurodivergenten Kindes enden dort nicht, wo die Rechte und die körperliche oder psychische Unversehrtheit anderer Kinder beginnen.
Wenn ein Kind andere schlägt, bedroht oder dauerhaft massiv beeinträchtigt, darf Neurodivergenz niemals zur Begründung dafür werden, einfach nichts zu tun.
Erklärung ist nicht Entschuldigung.
Und genau hier, glaube ich, müssen wir zwei Dinge voneinander trennen:
Nachteilsausgleich einerseits
und die Verantwortung für Verhalten andererseits.
Ein Nachteilsausgleich bedeutet für mich nicht:
„Du bist autistisch oder hast ADHS, deshalb gelten Regeln für dich nicht.“
Er bedeutet:
„Du hast unter bestimmten Bedingungen einen objektiven Nachteil. Wir verändern diese Bedingungen so weit, dass du überhaupt eine faire Chance bekommst, dieselben grundlegenden Anforderungen zu erfüllen.“
Das kann mehr Zeit sein.
Eine reizärmere Umgebung.
Klarere Strukturen.
Eine Pause.
Ein anderer Kommunikationsweg.
Aber selbstverständlich darf ein Kind nicht andere Kinder schlagen, nur weil es neurodivergent ist.
Gerade an diesem Punkt würde ich den Gedanken sogar umdrehen:
Ein guter Nachteilsausgleich kann auch die anderen Kinder schützen.
Wenn ich weiß, dass ein Kind bei Überforderung oder Reizüberflutung die Kontrolle verliert, dann ist es meine pädagogische Aufgabe, nicht erst nach der Eskalation zu reagieren, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen sie möglichst gar nicht entsteht.
Das ist für mich keine Bevorzugung des „auffälligen“ Kindes.
Es ist Verantwortung gegenüber allen.
Auch Emotionsregulation muss gelernt werden. Da stimme ich dir zu.
Nur lernen Menschen Regulation nicht dadurch, dass wir ihre neurologischen Voraussetzungen ignorieren.
Ein Kind mit ADHS muss Impulskontrolle lernen.
Ein autistisches Kind muss Möglichkeiten entwickeln, mit Überforderung umzugehen.
Aber die Wege dorthin können andere sein als bei einem Kind, dem diese Regulation von vornherein leichter fällt.
Für mich lautet der Maßstab deshalb nicht:
Wer bekommt mehr Rücksicht?
Sondern:
Was braucht jedes Kind, damit möglichst alle sicher lernen, sich entwickeln und Verantwortung übernehmen können?
Und noch etwas:
„Unauffällig“ bedeutet nicht automatisch „ohne Bedürfnisse“.
Auch die stillen Kinder, die Angepassten und diejenigen, die ihre Belastung nicht nach außen tragen, müssen gesehen werden.
Eine neurodiversitätssensible Pädagogik darf deshalb nie nur auf das lauteste oder auffälligste Kind schauen.
Sie muss die gesamte Gruppe im Blick behalten.
Vielleicht finden wir genau hier wieder einen gemeinsamen Punkt:
Besondere Bedürfnisse verdienen besondere Unterstützung.
Aber besondere Unterstützung entbindet niemanden von der Aufgabe, Verantwortung gegenüber anderen zu lernen.
Herzliche Grüße
Bernd
Lieber Bernd,
mit dem, was du im letzten Teil des Kommentars schreibst, kommen wir tatsächlich zusammen: Nicht der, der am lautesten und aggressivsten ist, soll am meisten Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, sondern die Bedürfnisse und Interessen der ganzen Gruppe müssen im Mittelpunkt stehen. Den Lauten muss immer wieder geholfen werden, auf sie Rücksicht zu nehmen. Das muss eingeübt und trainiert werden mit einer Vielzahl von Umgangsformen und Ritualen. Da haben wir erst einmal schon genug zu tun, vor aller Sonderpädagogik.
Es ist ein langer Prozess, der von mehreren Erziehenden, abgestimmt und trotzdem jeweils auf deren eigene Weise, betrieben werden muss.
Das ist allein deswegen schon so, weil es immer mehr gibt, die sich auch ohne Neurodivergenzen nicht mehr rücksichtsvoll benehmen können und wollen, die über keine Anstrengungsbereitschaft mehr verfügen, wenn es schwieriger wird oder nicht (mehr) auf Anhieb „Lust“ macht.
Alle, auch die, die nicht besondere neuronale Probleme haben, müssen lernen, diese „Durststrecken“ zu überwinden. Das ist eine Lebensaufgabe.
Und dann sollen wir nicht primär „nach hinten“ schauen, warum einer etwas nicht können kann, sondern primär nach „vorn“, mit welchen Schritten und Ritualen, Einübungen und Umgangsformen er zu einem gemeinschaftsorientierteren Verhalten kommt, bei dem er gelernt hat, mehr Rücksicht auf die anderen Individuen zu nehmen, die auch alle, einschließlich der Pädagogen, „besonders“ sind, ob nun entwicklungsgestört oder nicht.
Lieber Ralf,
da sind wir uns zunächst näher, als es vielleicht erscheint.
Natürlich soll ein neurodivergentes Kind lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen. Auch Mitschüler und Pädagogen haben Bedürfnisse, Belastungsgrenzen und Rechte. Neurodivergenz darf deshalb niemals bedeuten, dass nur noch das auffällige Kind gesehen wird.
Die Erwartung kann durchaus lauten:
Respektiere die anderen und lerne, Verantwortung für dein Verhalten zu übernehmen.
Nur kann der Weg dorthin unterschiedlich sein.
Gerade deshalb ist mir aber noch eine Ergänzung wichtig:
Ich gehöre keineswegs zu denen, die inzwischen jede Schwierigkeit, jede Unangepasstheit oder jedes problematische Verhalten vorschnell mit „Neurodivergenz“ erklären.
Hier nehme ich beispielsweise die Kritik von Uta Frith sehr ernst.
Sie warnt selbst davor, den Autismusbegriff immer weiter auszudehnen und sehr unterschiedliche Schwierigkeiten unter derselben Diagnose zusammenzufassen. Auch die Frage, ob bei manchen späten Diagnosen andere Erklärungen – etwa ADHS, Angst, Depression, Trauma oder soziale Entwicklungen – eine Rolle spielen, muss gestellt werden dürfen.
Das gehört ausdrücklich zu meinem Standpunkt.
Neurodiversitätssensible Pädagogik bedeutet für mich deshalb gerade nicht:
„Das Kind kann nichts dafür, also müssen sich alle anderen anpassen.“
Sie bedeutet zunächst:
Wir müssen möglichst genau verstehen, womit wir es überhaupt zu tun haben.
Ist es tatsächlich eine neuroentwicklungsbedingte Besonderheit?
Ist es erlerntes Verhalten?
Ist es Überforderung?
Fehlt es an Grenzen, Übung oder Orientierung?
Oder wirken mehrere Faktoren zusammen?
Erst danach können wir sinnvoll entscheiden, was ein Kind lernen muss und was die Umwelt verändern sollte.
Insofern möchte ich weder jedes Verhalten pathologisieren noch jedes Verhalten mit einer Diagnose entschuldigen.
Aber genauso wenig möchte ich eine reale Beeinträchtigung als mangelnde Disziplin behandeln.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich unsere Positionen noch einmal präzisieren lassen:
Rücksichtnahme gilt für alle.
Verantwortung gilt für alle.
Aber Gleichbehandlung bedeutet nicht zwangsläufig, jeden Menschen unter identische Bedingungen zu stellen.
Herzliche Grüße
Bernd