Diese Frage stellst du, lieber Bernd, und beantwortest sie auch gleich. „Johann“ muss sich natürlich nicht ändern, sondern die Welt um ihn herum, das „System“,  das gesellschaftliche und schulische. Er muss sich nicht entwickeln, er kann und soll so bleiben, wie er ist, kann die Arme verschränken und fordern: „Macht was, mir geht es nicht gut genug, vielleicht mache ich dann auch was. Vielleicht“. 

Die Welt wird seinen neuronalen Divergenzen nicht gerecht genug, sie ist in Deutschland nach deiner Meinung immer noch zu wenig individualisiert, also differenziert und vereinzelt. Immer noch herrscht der Blick auf die Gemeinschaft im altbackenen Frontalunterricht vor, und es gibt zu wenig offene und freie Formen des Lernens, die das Individuum in den Blick nehmen, zu wenig Projekt- und jahrgangsübergreifenden Unterricht.

Das ist das Rezept fortschrittlicher Pädagogik seit Jahrzehnten in Deutschland, und es geht immer weiter bergab. Ein guter, lehrerzentrierter Frontalunterricht als Unterbau und Basis darauf aufbauender Differenzierungen könnte die Lösung sein, genauso wie er in den asiatischen Siegerländern der Pisa-Studien gehandhabt wird. Aber das ist für dich und deinesgleichen Teufelswerk, „schwarze Pädagogik“. (Das ergibt sich für mich jedenfalls aus dem, was du schreibst.)

Was ist ein Hauptproblem westlich sozialisierter Kinder und Jugendlicher, wahrscheinlich besonders derer in Deutschland? Sie können sich nicht mehr auf eine leitende Person ausrichten, weder zu Hause, noch in der Schule, sondern kreisen um sich selbst: Was will ich und wie lange und warum nicht mehr? Hierarchien sind auch so ein Teufelswerk. Dabei gehören sie zum Leben, und es kommt nur darauf an, dass sie transparent sind und dass ein offener Austausch über sie möglich ist, jedenfalls bis zu einer Entscheidung.

Subjektive Befindlichkeiten, Launen und Stimmungen interessieren keinen, wenn es wirklich um das Leben geht, um das Stillen eines realen Hungers zum Beispiel. (Wer kennt ihn nicht, den berühmten Ausspruch Berthold Brechts: Erst kommt das Fressen, dann die Moral der Neurodivergenz!) Dann geht es nicht mehr um mentale Verunsicherungen. Dann muss jeder seinen Beitrag leisten, ob er „Lust“ , ADHS, Autismus oder was auch immer hat oder nicht. Entweder er macht positiv mit, bemüht sich zumindest ernsthaft und ausdauernd darum, oder er geht unter. Kinder brauchen dazu natürlich die Erwartung, dass sie das so machen, ihrer verantwortlichen erwachsenen Führungs-und Bezugspersonen und deren Anleitung und Hilfe. Wer die Verantwortung trägt, muss auch führen dürfen und umgedreht.

Aber warum sollte ein Mensch hier in Deutschland positiv mitmachen, nicht nur in der Familie, Schule, dem Sportverein oder der Firma, sondern etwa auch noch als Mitglied einer nationalen Gemeinschaft? Es wird ja immer ein Grund gesucht und gefunden, warum er das – gerade – nicht kann, auch bei einem guten Willen nicht. Wirklich beim besten Willen nicht?

Das wird ja – vor allem bei Kindern und Jugendlichen – gar nicht mehr erwartet, geschweige denn, eingefordert. Gott bewahre bzw. die vielen individuellen Störungen, die es gibt. Wenn es keine neurodivergenten sind, dann ist ja auch noch die gute alte Pubertät eine hilfreiche Erklärung für das Nicht-Können bzw. Nicht-Wollen oder das Kreisen darum, ob ein junger Mensch nun mehr ein Mädchen oder ein Junge sein will und das vielleicht sogar noch als ein Fuchs. Nichts ist unmöglich in unserer so schön vereinzelten multidivergenten Welt.

Allerdings ist das nur für übersättigte, dekadente Gesellschaften typisch, keinesfalls für China, Singapur oder Vietnam. Aber Gemach, das Problem löst sich: Die Produktivität wird durch diese Denk- und Lebenskultur in Deutschland immer weiter sinken und damit auch der Lebensstandard, und schon ist der Dekadenz ihre Grundlage entzogen. (Sage also keiner, ich würde die „deutsche Demokratie“ schlecht reden.)

Deutschland ist – noch – übersättigt, seine Jugend versinkt im Überdruss und Langeweile. „Experten“ wie du sehen ihre Aufgabe darin zu erklären, dass „neuronale Divergenzen“ die Ursache sind, und die Kinder nicht schuld sind. Das sind sie auch nicht. Das sehe ich auch so, die Erwachsenen tragen die Verantwortung dafür, alle, sowohl die im privat-familiären als auch die im schulischen Kontext, vor allem aber die Politiker, die dafür verantwortlich sind, welche Denkweisen, welche Lebensphilosophien in einer ganzen Gesellschaft angesagt sind, individualistische wie besonders in Deutschland oder gemeinschaftliche wie in China oder auch den USA..

Ist die Materie primär oder der Geist? Das war die Grundfrage der Philosophie. In diesem Kontext frage ich: Sind subjektive Befindlichkeiten, Gefühle, Launen, Stimmungen primär oder sachliche Notwendigkeiten. Hierzu gehört auch mein Gedanke aus dem 11. Beitrag, dass viele aus dieser Innenorientierung heraus seit Jahrzehnten in Deutschland verlernt haben, ihre Impulse zu kontrollieren und dass das lebensgefährlich für sie und ihre Mitmenschen wird.

Dass Kinder in Deutschland heute viel weniger anstrengungsbereit sind als frühere Generationen, dass sie Frustrationen, die zum Leben gehören, eher aus der Bahn werfen, als das früher der Fall war, ist ein Ergebnis des heutigen Lebens- und Erziehungsstils. Den müssen wir ändern, dann mindert sich auch die Explosion plötzlicher und geheimnisvoller psychischer Störungen. Krankheiten und Entwicklungsstörungen sind immer ein Resultat der Lebensweise. Das zeigt sich zum Beispiel auch ganz deutlich bei der massiven Zunahme der Diabetes in Deutschland. Analog verhält es sich nach meiner Überzeugung mit Autismus und ADHS. Eine Gesellschaft, die sich immer mehr auf das einzelne Individuum fokussiert, die immer mehr fragt, wie sich Gemeinschaften besser an das anpassen können, was Einzelne wollen, „züchtet“ „Autismus“ regelrecht heran.

Natürlich, es gibt auch einen „echten“ neuronalen frühkindlichen Autismus, aber der aufgesetzte, künstlich erzeugte „Pseudoautismus“ nimmt hier in Deutschland immer mehr zu. Ich habe das schon mehrmals auf dieser Seite thematisiert, zum Beispiel im 7. Beitrag oder im 9. Beitrag. Das gilt auch für ADHS. Wir müssen uns doch nur angucken, wie wir leben: Wenig wird in Ruhe und konzentriert zu Ende gemacht, ständig machen wir mehrere Dinge zugleich, springen von einem zum anderen. Natürlich gibt es auch hier biologische Veranlagungen, aber das Entscheidende ist – jedenfalls für die massenhafte Steigerung – nach meiner Überzeugung unsere Lebensweise. Damit vertrete ich ein optimistisches Menschenbild: Wir sind nicht geheimnisvollen Krankheiten und Störungen ausgeliefert, wir sind nicht Opfer eines Schicksals, sondern können selbst etwas machen.