„Sicherheit im Jugendnotdienst?“, so lautet eine Schlagzeile heute am 3.8.26 in der Leipziger Volkszeitung (S. 9). Ich hab‘ Spaß gemacht. Da wir ja in Deutschland leben – und nicht in „Englischland“ – lautet die Schlagzeile natürlich: „Security im Jugendnotdienst?“
Die deutsche Bahn beweist, dass Sicherheitsunternehmen auch einen Namen in der eigenen Landessprache tragen können, nämlich „DB Sicherheit“. Aber das jetzt nur nebenbei.
Der Hintergrund: Im Leipziger Jugendnotdienst nahmen gewalttätige Übergriffe der Jugendlichen gegenüber den Mitarbeitern zu. Diese meldeten sich aus Angst krank, so dass der Jugendnotdienst für zwei Wochen geschlossen werden musste.
Der amtierende Jugendamtsleiter Silko Kamphausen: „… Wie (könne) ein Sicherheitsmitarbeiter ohne pädagogische Qualifikation einschätzen, ob und wie er dazwischen gehen soll. In so einer Situation sei ja selbst die Fachkraft schon stark gefordert.“ Das halte ich gerade für das Hauptproblem, die pädagogische Fachlichkeit, wie sie heute gesehen und verstanden wird.
Müsste und könnte ich im Jugendamt „Fachkräfte“ einstellen, würde ich Omas und Opas bevorzugen, meine eigenen, wenn sie noch lebten, und die Oma von Karell Gott („Babuschka“). Bei den offiziellen Fachexperten wäre ich skeptisch. Die sind nämlich heute darauf getrimmt, koste es, was es wolle, einen medizinischen Grund für Aggressionen und andere Störungen zu finden, was die Jugendlichen von ihrer eigenen Verantwortung für ihr Verhalten entlastet:
„Ich bin gut so, wie ich bin, nur meine Gene oder mein biologisches Nervensystem sind schlecht: ich bin Autist oder ich habe ADHS bzw. beides zusammen.“ Wenn sich ein solches Denken erst einmal eingebürgert hat, greift es auch auf die andere Seite der „Barrikade“ über, auf die der Pädagogen: „Ich habe nichts falsch gemacht, ich habe mir nicht mit meinen Kollegen einen Kampf um die Zuneigung der Jugendlichen geliefert, deswegen Strukturen und Verbindlichkeiten aufgeweicht, achiwo, ich habe Burnout und selbst ADHS, deswegen lasse ich mich jetzt erst einmal ein paar Wochen lang krankschreiben.“
Wir sind alle krank in dieser dekadenten, spätbürgerlichen Gesellschaft – deswegen „Abendland“ -, in der es von allem zu viel gibt, nur von Einordnung und der Bereitschaft, mitzumachen, nicht. Warum auch? Warum soll ich der Dumme sein, wenn jeder Verweigerer im Namen des Individualismus, der über allem steht, einen Freifahrt- bzw. Überholschein bekommt?
Noch gibt es Reste in dieser Gesellschaft, das Eigene den übergeordneten Interessen einer Gemeinschaft unterzuordnen. Noch arbeiten ein paar Alte. Die Jungen sind – fast – alle auf Selbstverwirklichung aus. Das ist nicht ihre Schuld; sie sind so erzogen worden. Die Alten ernten mit ihrer Gläubigkeit gegenüber der Moderne, was sie selbst gesät haben.
Aber nicht alle in der Welt haben das getan. Da gibt es in Asien Völker, die immer noch auf Leistung setzen. Ihre Schüler führen die internationalen Leistungsvergleiche an, ganz ohne zu gendern und ohne die neuesten Erkenntnisse von Fachexperten über neurobiologische Divergenzen, über neue Seiten bzw. Saiten der Autismus-Spektrum-Störung oder irgendwelcher anderer Syndrome.
Merkt das denn keiner? Es gibt immer mehr Experten für neurobiologische Divergenzen, immer mehr pädagogische und psychologische Professuren, die unter diesem geistigen Dach entstanden sind, und zugleich nehmen die Probleme mit Kindern und Jugendlichen, die sich hier in Deutschland nicht gemeinschaftsorientiert benehmen können und wollen, immer mehr zu. Sollte die individuelle Differenzierung nicht dazu führen, dass die Pädagogen die Besonderheiten ihrer Zöglinge besser berücksichtigen und dadurch Probleme reduzieren können?
Offenbar führt die „Berücksichtigung“ von Besonderheiten, die fachliche Aufmerksamkeit dafür, eher zu ihrem Wachstum, auch hinsichtlich ihrer problematischen Seiten, weil das Primat in Deutschland das Individuum hat und nicht die Gemeinschaft in Form der Familie, der Freunde, der Schule, der Sportgemeinschaft, des Dorfes, der Stadt und der Nation, so wie das zum Beispiel in China ist.
Wenn wir da nicht eine generelle geistige Wende hinkriegen in Deutschland; geht es weiter bergab, auch mit dem Lebensstandard. Vielleicht weckt das dann die Deutschen auf, denn Übersättigung und Überdruss haben noch nie zu etwas Gutem geführt.
Zurück zum Jugendnotdienst: Erst einmal müssen Sicherheit und Ordnung herrschen. Das geht nur mit klaren Strukturen durch ein starkes Pädagogen-Kollegium, das in der Offensive bleibt, weil keine Einzelnen sozusagen „unter der Hand“ dann ihre persönliche Erziehungspolitik machen, die angeblich fachlich so geboten sei. Nein, fachlich geboten ist zuerst, dass durchgesetzt werden kann, was das pädagogische Kollektiv beschlossen hat, zur Not auch mit Hilfe kräftiger Sicherheitsleute. Diese stärken ihm den Rücken, und sie bleiben aber die Hilfskräfte, die sie sind. Die Verantwortung tragen die Pädagogen, die hoffentlich nicht zu hoch und spezialqualifiziert sind, sondern sich einen realistischen Menschenverstand bewahren konnten und sich gegenseitig in ihrem Kollektiv sehen und korrigieren, wenn das nötig ist.
Eine Voraussetzung kommt noch davor; das will ich gern zugeben (und jetzt zum bisher Geschriebenen noch dazugeben): Die Stärke Erziehender nutzt nur dann etwas, wenn sie das Leben lieben, wenn sie grundsätzlich Optimisten sind und wenn sie die Menschen, mit denen sie arbeiten, mögen, also vor allem Kinder und Jugendliche. Nur das macht Stärke konstruktiv und produktiv.
Beziehungsfähigkeit tut not, aber nicht primär zwischen einzelnen Pädagogen und ihren Schützlingen, sondern zuerst zwischen den Pädagogen selbst. Das muss primär sein, genauso wie die Elternbeziehung vor der Mutter-Kind- bzw. Vater-Kind-Beziehung kommen muss. Und in wessen Interesse? In dem der Kinder.
Anders herum gilt aber auch: Liebe und Beziehungsfähigkeit allein reichen nicht; sie entwerten und „entladen“ sich, wenn sie nicht mit Stärke durch die Kraft einer pädagogischen Gemeinschaft verbunden sind.
Der Gedanke, dass pädagogische Beziehungen eine tragende Gemeinschaft brauchen, ist nachvollziehbar. Einzelne Pädagoginnen und Pädagogen können auf Dauer wenig bewirken, wenn das Umfeld widersprüchlich handelt, Verantwortung abschiebt oder keine gemeinsamen Grundsätze besitzt.
Fraglich erscheint mir jedoch die Formulierung, Beziehungsfähigkeit könne sich ohne die „Stärke“ einer pädagogischen Gemeinschaft entwerten. Eine verlässliche Beziehung behält ihren Wert auch dann, wenn das übrige System schwach ist oder versagt. Für ein Kind kann gerade ein einzelner Mensch, der zuhört, versteht und standhält, von entscheidender Bedeutung sein.
Außerdem ist eine starke pädagogische Gemeinschaft nicht automatisch eine gute. Auch eine geschlossene, autoritäre oder an Anpassung orientierte Gemeinschaft kann sehr kraftvoll auftreten. Entscheidend ist daher nicht nur ihre Stärke, sondern worauf diese Stärke gerichtet ist: auf Kontrolle und Geschlossenheit oder auf Reflexion, Teilhabe und die Würde des Einzelnen.
Ich würde den Gedanken deshalb umkehren: Nicht erst die Kraft der Gemeinschaft verleiht der Beziehung ihren Wert. Vielmehr zeigt sich die pädagogische Qualität einer Gemeinschaft daran, ob sie tragfähige Beziehungen ermöglicht, individuelle Unterschiede aushält und auch die eigenen Überzeugungen immer wieder kritisch überprüft.
Bernd Günther
Lieber Bernd,
schreibe doch bitte deinen Wohnort „Falkenstein“ dazu, denn es gibt bestimmt an die Tausend oder mehr „Bernd Günther“ im deutschsprachigen Raum. Sogar „Dr. Ralf Hickethier“ gibt es mindestens dreimal, so weit sie im Internet vertreten sind.
Du hast natürlich – auch – Recht mit dem, was du schreibst. Das ist ja das Schwierige an der Erkenntnis, dass widersprüchliche Wahrheiten zugleich nebeneinander existieren können.
Deswegen ist für mich die Frage, was ist in einer bestimmten Zeit angesagt oder besser gesagt: gefragt. Oder noch anders: Welche Antworten fordert der Zeitgeist unterschiedlicher Epochen?
Um 1900 herrschte in den Volksschulen des deutschen Kaiserreichs der Rohrstock, Schüler wurden oft nur mit ihren Nachnamen angeherrscht. Thomas Mann beschreibt in seinem Roman „Die Buddenbrocks“, wie glücklich 16-Jährige waren, wenn sie von einem strengen Lehrer, vor dem sie sich fürchteten, mit ihrem Vornamen angeredet wurden.
Aber auch das gilt nicht durchgängig, ein neues, kleineres Figur-Hintergrund-Verhältnis tritt hinzu: Ein Refendar, bei dem die Klasse „über Tisch und Bänke“ ging, versuchte vergeblich, sich so bei den Schülern beliebt zu machen.
Es kommt also auf den Hintergrund und die Opposition dazu an, auf das, was eine Zeit fordert und hier auf den unterschiedlichen Stand (für fortschrittliche, moderne Leser: „das Standing“), den sich Beteilgte erarbeiten konnten bzw. (noch) nicht. Um 1900 war der Blick auf das einzelne Schüler-Ich, den die Reformpädagogik versprach, wirklich angesagt. Haben wir heute noch den gleichen Zeithintergrund? Natürlich nicht! Im Gegenteil. Heute ist die Individualisierung auf die Spitze getrieben und noch mehr davon schadet allen.
Aber es geht nicht nur um die genannten Hintergrunde (Zeitgeist, persönliches Ansehen), sondern auch um den des Alters zu erziehender Menschen. Neugeborenen kann sich die Familie gar nicht genug anpassen, da muss die Gemeinschaft ganz und gar für ihr neues Mitglied da sein. Aber schon mit einem Jahr will so ein Kind „mitmachen“, im Rahmen seiner Möglichkeiten für seine Familie nützlich sein.
Ich habe das gerade heute im Konsum beobachtet, mit welchem Ernst und welcher Anstrengungsbereitschaft so ein kleines „Beppy“ auf dem Arm seiner Mutter, allerdings schon etwas älter als ein Jahr, den Pfandflaschenautomaten mit den Flaschen „fütterte“, die ihm die Mutter reichte. Er hatte Geduld, er konnte warten, auch bis der Automat die Quittung ausspuckte. Sein persönliches Selbstwertgefühl war schon in seinem jungen Alter damit verbunden, ob er etwas Nützliches für seine Mutter tun konnte.
Andererseits beobachte ich 10-Jährige, die den Tisch decken und nach Lust und Laune mittendrin aufhören. Jetzt denken die Eltern, es wäre pädagogisch, das zu dulden: „Es ist halt noch ein Kind!“ Die persönliche (individuelle) Lust des Jungen auf etwas sei wichtiger als der Nutzen für die Gemeinschaft bzw. für ein überfordertes Elternteil. Schmarren! Die armen Eltern haben zu viel über eine „kindbezogene“, individuelle Erziehung gehört oder gelesen.
Es wäre gerade wichtig, dass ein Kind schon in den Alltäglichkeiten zu Hause lernt, die Hürden eigener Lust und Laune, die Barrieren eigener Stimmungsschwankungen zu überspringen. Dafür muss es lernen dürfen, den Fokus von der eigenen Lust auf das, was für die Gemeinschaft wichtig ist, zu lenken.
Heute und hier in Deutschland sind schon 20-Jährige immer noch im egozentrischen Denken eines Kleinkindes steckengeblieben, aufgrund der angesagten Pädagogik: „Ich habe aber keine Lust mehr!“ Als wenn das ein Kriterium wäre, das irgendjemand interessieren würde außer die Pädagogen, die glauben, alles müsste sich nach der Summe der Lust oder Unlust kindlicher Stimmungen richten.
Eltern, die dieses dumme, ebenso kinder- wie gesellschaftsschädigende Spiel nicht mitspielen, müssen nicht herumblaffen; sie können freundlich und humorvoll bleiben, aber konsequent müssen sie sein: Ein Kind, das sich weigert, einen Tisch zu Ende zu decken, hat dann zum Beispiel keinen Teller mehr, und es darf natürlich nicht vom blanken Tisch essen. Aber die Verwirrung in Deutschland aus Übersättigung und der totalen Einzelfallorientierung heraus geht inzwischen so weit, dass Eltern glauben, das nicht mehr verbieten oder auch erlauben zu dürfen. Das entscheiden ihre Kinder selbst, dank der Pädagogik, die du, wie es mir scheint, auch vertritts.
Lieber Ralf,
Deine Bemerkung beruht, wie mir scheint, auf einem Missverständnis meiner pädagogischen Position.
Ich vertrete keineswegs die Auffassung, Eltern oder Pädagogen dürften Kindern nichts mehr verbieten, nichts mehr erlauben und keine Entscheidungen mehr treffen. Kinder brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen, Orientierung geben, Grenzen setzen und notfalls auch Entscheidungen treffen, die einem Kind im Augenblick nicht gefallen.
Entscheidend ist für mich jedoch, aus welchem Verständnis heraus dies geschieht.
Zwischen einer autoritären Pädagogik und einer Pädagogik des bloßen Gewährenlassens liegt ein großer Raum. In diesem Raum bewegt sich verantwortliche Erziehung. Sie fragt nicht nur: „Wer darf entscheiden?“, sondern auch: „Warum wird so entschieden?“, „Ist die Entscheidung nachvollziehbar?“, „Wird die Sicht des Kindes überhaupt wahrgenommen?“ und „Dient die Grenze tatsächlich seinem Schutz und seiner Entwicklung – oder vor allem der Bequemlichkeit und dem Machtgefühl des Erwachsenen?“
Kinder selbst entscheiden zu lassen, kann in manchen Fragen richtig und notwendig sein. In anderen Fragen wäre es eine Überforderung. Das hängt vom Alter, von der Reife, von der Situation und von den möglichen Folgen ab. Erziehung besteht gerade darin, diesen Unterschied verantwortlich zu erkennen.
Ein Kind ernst zu nehmen bedeutet deshalb nicht, ihm jede Entscheidung zu überlassen. Es bedeutet aber auch nicht, dass Erwachsene ihre Entscheidungsmacht nicht begründen müssten. Wer Verantwortung trägt, sollte sich nicht hinter seiner Rolle verstecken, sondern erklären können, weshalb eine Grenze notwendig ist.
Mitsprache ist also nicht dasselbe wie Beliebigkeit. Selbstbestimmung ist nicht dasselbe wie Grenzenlosigkeit. Und Beziehungspädagogik bedeutet nicht, dass Erwachsene ihre Verantwortung abgeben.
Im Gegenteil: Eine Pädagogik, die auf Beziehung, Dialog und Respekt setzt, verlangt Erwachsenen oft mehr ab als eine Pädagogik des einfachen Verbietens. Man muss zuhören, abwägen, begründen, Widerspruch aushalten und zugleich klar bleiben. Ein Verbot auszusprechen ist manchmal notwendig. Es ist aber noch keine pädagogische Leistung allein deshalb, weil es von einem Erwachsenen ausgesprochen wurde.
Insofern erkenne ich mich in der von dir beschriebenen Position nicht wieder. Du beschreibst eher das Zerrbild einer Pädagogik, die angeblich keine Erwachsenenverantwortung mehr kennt. Meine Position ist eine andere: so viel Selbstbestimmung wie möglich, so viel verantwortliche Begrenzung wie nötig – und beides innerhalb einer Beziehung, in der das Kind nicht bloß Objekt erzieherischer Maßnahmen ist.
Vielleicht liegt unser eigentlicher Unterschied deshalb weniger in der Frage, ob Erwachsene etwas erlauben oder verbieten dürfen. Selbstverständlich dürfen und müssen sie das bisweilen. Die entscheidendere Frage ist, ob pädagogische Autorität sich allein aus der Rolle des Erwachsenen ableitet – oder ob sie sich immer wieder auch durch Verantwortung, Begründung, Verlässlichkeit und Beziehung bewähren muss.
Bernd Günther
Falkenstein
Wir drehen uns im Kreis, lieber Bernd. Es geht nicht darum, ob ich dir Unrecht tue, weil ich dich missverstehe oder ob du mir, weil du das Gleiche tust.
Es geht darum, dass wir unserer Zeit und ihren Kindern, Eltern und Lehrern auf eine existentielle Weise Unrecht tun. Und das tust du: Deine pädagogische Auffassung, maßvoll und geschmeidig als Position der Mitte (genauso wie unsere Demokratie), führt genau zu den katastrophalen Zuständen, die wir haben. Die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit – da hat Lenin recht – und nicht, ob sich jemand richtig verstanden fühlt oder nicht.
Ich schlage vor, wir setzen die Diskussion bei einem anderen Beitrag fort, denn ich werde noch mehr dazu schreiben.
Lieber Ralf,
dass wir die Diskussion an anderer Stelle fortsetzen, ist für mich völlig in Ordnung. Einen Gedanken möchte ich an dieser Stelle aber noch stehen lassen, weil er mir für unsere weitere Auseinandersetzung wesentlich erscheint.
Dein Hinweis, „die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit“, klingt zunächst sehr überzeugend. Natürlich muss sich Pädagogik an ihren Folgen messen lassen. Auch ich hätte wenig Interesse an einer pädagogischen Theorie, die nur auf dem Papier schön aussieht, während sie in der Wirklichkeit regelmäßig scheitert.
Nur beginnt genau hier das Problem.
Du nimmst bestimmte gegenwärtige Erscheinungen – Schwierigkeiten in Schulen, Überforderung von Eltern und Lehrern, mangelnde Orientierung, vielleicht auch Disziplinprobleme – und erklärst sie anschließend zur praktischen Widerlegung jener pädagogischen Haltung, die du mir zuschreibst.
Damit ist aber noch nicht gezeigt, dass zwischen beidem tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang besteht.
Die gesellschaftliche und schulische Wirklichkeit von heute ist schließlich nicht das Ergebnis eines einzigen pädagogischen Konzeptes. In ihr wirken sehr unterschiedliche Entwicklungen zusammen: veränderte Familienstrukturen, soziale Ungleichheit, Digitalisierung, Medienwelten, Personalmangel, wachsende Anforderungen an Schulen, Inklusion unter teilweise schlechten Bedingungen, psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen, ein verändertes Verhältnis zu Autoritäten und vieles andere mehr.
Wer aus diesem komplizierten Geflecht einen einzelnen pädagogischen Ansatz als entscheidende Ursache herausgreift, müsste diesen Zusammenhang zunächst zeigen.
Sonst entsteht ein Zirkelschluss:
Die Zustände sind schlecht.
Die moderne Pädagogik ist schuld.
Dass die moderne Pädagogik falsch ist, beweisen wiederum die schlechten Zustände.
Damit würde die „Praxis“ nicht mehr zum Kriterium einer These, sondern lediglich zu ihrer Illustration.
Gerade wenn wir uns auf die Praxis berufen, sollten wir deshalb genauer hinsehen. Es gibt Schulen, Familien und pädagogische Einrichtungen, in denen Beteiligung, Beziehung, klare Grenzen und die Anerkennung kindlicher Selbstständigkeit sehr gut miteinander funktionieren. Und es gibt ebenso Situationen, in denen vermeintlich klare Autorität keineswegs zu guten pädagogischen Ergebnissen führt.
Für mich lautet die Alternative daher weiterhin nicht:
Autorität oder Beliebigkeit.
Erwachsene entscheiden oder Kinder entscheiden.
Diese Gegenüberstellung halte ich selbst für einen Teil des Problems.
Die schwierigere Frage lautet vielmehr: Wie kann erwachsene Verantwortung so ausgeübt werden, dass Kinder Orientierung erfahren, ohne zu bloßen Objekten dieser Verantwortung zu werden?
Dass ich dabei eine Position vertrete, die du als „maßvoll und geschmeidig als Position der Mitte“ beschreibst, empfinde ich übrigens nicht als Einwand. In der Pädagogik ist die Wirklichkeit meistens widersprüchlicher als ihre großen Erklärungen. Zwischen autoritärem Durchregieren und pädagogischem Rückzug befindet sich kein bequemer Mittelweg, sondern häufig der schwierigste Bereich überhaupt: abwägen, unterscheiden, Beziehung halten, Grenzen setzen und zugleich bereit sein, die eigene Entscheidung zu überprüfen.
Vielleicht liegt hier tatsächlich ein grundlegender Unterschied zwischen uns.
Du scheinst stärker nach einem grundlegenden Fehler unserer gegenwärtigen Pädagogik zu suchen. Ich misstraue solchen großen monokausalen Erklärungen eher. Nicht weil ich die gegenwärtigen Probleme kleinreden möchte – ganz im Gegenteil –, sondern weil mir Kinder, Eltern und Lehrer zu wichtig sind, um ihre Schwierigkeiten vorschnell einer einzigen pädagogischen Entwicklung anzulasten.
In diesem Sinne lese ich gern weiter, was du dazu schreibst.
Und dann können wir unsere Diskussion an deinem nächsten Beitrag fortsetzen.
Denken geht immer nur durch Vereinfachung (Friehard Klix). Wir müssen das multicausale Durcheinander zwischendurch monocausal begreifbar machen.
(Auch) in diesem Sinn auf ein Neues und Weiteres.