„Erschöpft“ ist diese westliche – und wohl insbesondere deutsche – Gesellschaft aus einem Zuviel heraus. In ihr besteht ein Überangebot an Möglichkeiten. Aber wer an einer Wegeskreuzung mit zu vielen Abzweigungen steht, geht dann vielleicht gar nicht mehr los. Ich denke, dieses Überangebot erschöpft uns. Und dann langweilt es uns. Wir geraten in eine Art „Apathie“: Macht was! Ich habe psychische Probleme!

Neuerdings stehen Jugendliche hier im freien Westen ja sogar vor der Wahl, ob sie ihr Geschlecht annehmen wollen oder vielleicht doch lieber nicht. (Und das dann im Leben mehrere Male noch hin und her.)

Manche wollen inzwischen auch lieber Tiere als Menschen sein. Das ist Überdruss wie bei einem verwöhnten Millionärskind, das vor lauter – immer wieder neuem – Spielzeug verlernt hat, mit einem einzigen richtig zu spielen, vielleicht mit einem Haus, das ihm der Opa aus Holz gebastelt hat.

Von allem zu viel – das ist wie mit dem „Übertourismus“. Manche Gegenden werden überrannt, weil die Besucher aus Langweile und Apathie verlernt haben, das Schöne zu sehen, das so nahe liegt.

Als ich neulich eine junge Frau, die begeistert von ihrem Flug nach Vietnam erzählte, fragte, ob sie denn schon im Harz gewesen sei, antwortete sie, es gehe ihr um das Kennenlernen anderer Kulturen. Ich wollte sie nicht provozieren, deswegen fragte ich sie nicht, ob sie denn schon bei den Sorben in Ostsachsen gewesen sei.

Die heutige Gesellschaft und vor allem die, die in ihr (alltags)kulturell etwas zu sagen haben, ist/sind Ich- und Jetzt-fixiert. Sie bleiben in den Stereotypen ihres Denkens hängen, bedienen das Angesagte mit einem entsprechenden, oft englischsprachigen Jargon. Und das machen sie – zumindest hier in Deutschland – als die wahren Spieß- und Kleinbürger ihrer Zeit immer übertriebener. (Sie wollen ja auf keinen Fall eins nicht: abgehängt, nicht auf der Höhe ihrer Zeit zu sein.)

Das gilt auch für das fachliche, wissenschaftliche Denken, was dort vielleicht noch wegen der internationalen Forschung sinnvoll ist. Aber jedes andere, zusätzliche Wort, auch eines in der eigenen Sprache, erlaubt eine etwas andere, zusätzliche Sicht auf das Gemeinte und darum sollte es in der Wissenschaft ja gerade gehen. (Um „Diversität“ halt.)

 

Funny van Dannen hat ein bemerkenswertes Gedicht geschrieben:

Während du schläfst, haben andere Hunger

Und während du frühstückst, bringen andere sich um

Das hört sich schlimm an – ist es aber nicht ganz

Denn zum Glück gibt es die räumliche Distanz

 

Und genauso ist es mit der zeitlichen Distanz. Was wird da gebarmt über unsere schlimme Zeit der Krisen! Wie war es denn im 30-jährigen Krieg in Deutschland, als ganze Dörfer abbrannten und ihre Einwohner massakriert wurden? Wie war es 1945 in Königsberg, als Banden halb verhungerter Kinder, deren Eltern umgekommen waren, durch Ostpreußen streiften? Sie waren vogelfrei, absolut und in jeder Hinsicht. Die befreiten KZ-Häftlinge konnten mit dem Schutz der neuen Staaten rechnen, jedenfalls offiziell. Aber doch nicht die „Nazibrut“, sie war ausgeliefert, offiziell und nichtoffiziell!

Diese Kinder wurden von einem System, der Sowjetunion Stalins, verfolgt und bedrängt, gegen das wir uns heute empört auflehnen, wenn es um die Ukraine geht. Aber doch nicht, die zeitliche Distanz zurückgedreht, gegen die Verfolger von Kindern damals. Es waren doch bloß Deutsche. Dann müssten wir uns im Übrigen auch mit Litauern und Letten anlegen; das kommt gar nicht in Frage, wo es jetzt wieder gemeinsam gegen „den Russen“ geht.

Wie relativ doch alles ist! Denken Sie mal daran, wenn Sie glauben, die Krisen heute seien so furchtbar schlimm.

1945/46/47 in Ostpreußen ging es für die deutschen Kinder tatsächlich ums „Überleben“, im direkten Sinne des Wortes. Heute sind wir erschöpft vom „Über-Leben“ im Sinne vom Übertourismus. Heute wäre weniger mehr, eine klare Ordnung – es gibt nur zwei biologische Geschlechter, in der Familie sind die Eltern gegenüber ihrem minderjährigen Kindern der „Boss“, in der Schule sind es die Lehrer (die trotzdem freundlich sind) -, von der sich ausgehen, und mit der sich leben lässt. Sicher, sie engt an der einen oder anderen Stelle ein, aber gerade das macht Kinder stark, die lernen mit ihren freundlichen Eltern und Lehrern auf eine zivilisierte Weise zu kämpfen, wenn es darum geht, Engstellen zu weiten.