Deswegen habe ich eigentlich auch gar keine Lust mehr, solche Texte zu schreiben: Es ist sowieso alles ein „eitles Haschen nach dem Wind“. Eitelkeit ist der oberste Wert im Menschenleben, gar nicht mal Geld. Das ist vor allem dafür gut, der Eitelkeit zu dienen.
„Da verdross es mich, zu leben, denn es war mir zuwider, was unter der Sonne geschieht, dass alles eitel ist und ein Haschen nach Wind. “ (Altes Testament, Prediger 2,17)
„Kabale und Liebe“, in der 11. Klasse. Wie fühlten wir uns groß, stark und fortschrittlich – das konnte uns doch gar nicht passieren, dieser Standesdünkel, dass Liebe scheitern musste, bloß weil zwei Liebende unterschiedlichen Ständen, dem Adel und dem Bürgertum, angehörten. Aber heute ist es genauso schlimm, vielleicht sogar noch schlimmer: Wer „oben“ angekommen, wer berühmt und bekannt ist, viele Tausende digitale Gefolgsleute hat oder zumindest haben könnte, sieht mit gerümpfter Nase auf den „Pöbel“ hinab.
Diese besseren, höheren Leute paaren sich heute wie damals nur untereinander. Wie verlogen ist das denn? Ich nehme mal nur die BILD-Zeitung von heute (24.06.26) /1/:
„Bei Heidi und mir ging es von null auf hundert“, teilt Tom Kaulitz mit. Klar, dass er und Heidi Klum sich nicht mit einem normalen Menschen paaren konnten. Und wie sie dann wächst, die Liebe, unweigerlich, weil sich zwei Menschen-Seelen gefunden haben. Nein. Zwei Prominenten-Seelen haben sich getroffen, und die sind was Besseres, genauso unweigerlich. Und wahrscheinlich verständigen sie sich in der besseren und höheren Sprache Englisch, wie das die Angekommenen, die „Herren-Menschen“ von heute alle tun, obwohl beider Muttersprache Deutsch ist.
Er kann einen wirklich verdrießen, der schale Geschmack der Verlogenheit, der Kabale, der Intrigen und Ränkespiele, damals zu Schillers Zeiten genauso wie heute.
Ich nehme das Buch „Worauf du dich verlassen kannst: Prominente schreiben ihren Enkeln“. Auch Friedrich Schorlemmer kommt darin vor. Der Mann hat Substanz, nichts von einem Windhauch und von Dunst, nein, er hat mentales Gewicht und dann, wenn er konkrete Menschen nennt, die seine Freunde sind, redet er nur von Berühmtheiten und Prominenten. Nur sie werden zitiert, einfache, unberühmte Leute haben nichts zu sagen, in einem vielfachen Sinn. Also selbst bei ihm gibt es dieses „eitle Haschen nach dem Wind“. Es scheint zutiefst menschlich zu sein. (Und nicht einmal „Unsere Demokratie“ kann besser sein, als es die Menschen sind, die in ihr leben.)
Fußnote
/1/ Sie ist gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. Auch an ihrem Beispiel zeigt sich die Dünkelhaftigkeit unserer heutigen Welt: „Ich gehöre zu einem intellektuell und moralisch besseren Stand, deshalb schaue ich auf ihre einfachen Wahrheiten herab.“ Dabei hat der führende akademische Psychologe der DDR, Friedhart Klix, schon in seinem Buch „Erwachendes Denken“ hergeleitet, dass das Wesen wissenschaftlicher Erkenntnis in der immer größeren Vereinfachung ihrer Darstellung liegt. Er verdeutlicht das an der kurzen und einfachen Formel E = m x c², auf die Einstein erst nach komplizierten, „ausschweifenden“ Berechnungen kam, die er aber von vornherein weiterentwickeln wollte zur Kürze und Einfachheit.