Welche Überschriften waren mir noch eingefallen, die ich hätte nehmen können:
- Die Lust/Wut-Gesellschaft: Wenn ich nun aber (keine) Lust (mehr) habe!
- Die Laune/Stimmungs-Gesellschaft: Wenn ich nun aber mal so drauf bin, müssen sich alle mir anpassen; ich keinesfalls, von mir kann man das nicht verlangen, ich könnte ja psychisch beeinträchtigt sein
- Im Zweifel immer für den angeklagten Gewalttäter, niemals für sein Opfer: „Ein bedingter Tötungsvorsatz kann nicht nachgewiesen werden, begründete der Richter, deshalb kann der Mörder nicht wegen Mord verurteilt werden, sondern nur wegen verbotenem Kraftfahrzeugrennen mit Todesfolge“. Verhält es sich dann mit dem Opfer auch so? Ist es auch nur „bedingt“ tot? (Dann kann es ja vielleicht noch hoffen.)
Die Amokfahrt in Leipzig mit zwei Toten und mehreren Schwerverletzten bringt diese Gedanken, die ich schon lange habe (unter anderem hier), wieder hervor.
Ich kenne das aus meiner Kindheit: Unfassbare Wut, weil ich etwas, womit ich schon lange und fest gerechnet hatte, nicht bekam oder nicht durfte. In einem Wutrausch habe ich alles zerstört, was vor mir stand und was ich gerade mit großer Geduld aufgebaut hatte, zum Beispiel ein Haus aus Spielzeugbausteinen, oder ich erinnere mich auch, wie ich einen Schmutzhaufen, den ich sorgsam zusammengekehrt hatte, wieder auseinandertrat und im ganzen Zimmer verteilte.
Ich bin langsam in meinen Nervenprozessen; es dauert lange, ehe ich mich richtig aufrege, aber wenn ich einmal „oben“ bin, dauert es auch wieder lange, bis ich runterkomme. Das sind natürliche Besonderheiten wie meine Blutgruppe. Ich habe sie mir nicht ausgesucht. Und die meisten Menschen sind auch mittel langsam und schnell, aber ungefähr fünf Prozent sind jeweils besonders langsam oder schnell. Das kann man im Labor anhand des Lidschlagreflexes feststellen.
So ist es auch mit der Stärke und Schwäche der Nervenprozesse. Ein stark erregbarer Mensch merkt einen Impuls bereits, wenn er noch ganz schwach ist, zum Beispiel einen winzigen elektrischen Schlag. Bei einem schwach erregbaren muss der Reiz stärker sein. Der erstere Menschentyp ist wie ein Heißblutpferd, das schnell erschreck- und irritierbar ist, der andere wie ein „Acker oder Bierkutschengaul“.
Ich hatte als Kind in den Fünfziger Jahren mal beobachtet, wie ein Kutscher einem dicken Pferd der letzteren Art mit einer Lederpeitsche mit voller Kraft auf das Hinterteil schlug. Es irritierte mich sehr, aber das Pferd lief weiter, als wenn nichts passiert wäre. Zuerst lag das sicher an der schweren Last, die es ziehen musste, aber wahrscheinlich auch an seinem ruhigen, „kalten“ Temperament.
Diese – auch ausgeprägten – Temperamentsunterschiede gab es schon immer zwischen den Menschen (und Tieren). Sie wurden als natürlich gegeben betrachtet, und gute Eltern und andere Erziehende beachteten sie beim Umgang mit den betroffenen Kindern, ohne daraus „neurodiverse“ „Störungen“ und „Spektren“ zu machen. („Divers“ war damals noch nicht so schick und angesagt wie heute.) Eine solche gedankliche Einordnung bzw. „Rahmung“ ist gefährlich. „Neurodiverse Störung“ oder „Spektrum“ impliziert nämlich den Gedanken, dass diejenigen, die so etwas „haben“, (wie) krank sind, mindestens behindert oder beeinträchtigt; sie werden immer so bleiben und nur die anderen, die mit ihnen umgehen, können und müssen sich ändern.
Ich halte die Temperamentsunterschiede für ganz normal; sie sind natürliche Besonderheiten und Eigenheiten, und jeder kann lernen, mit ihnen umzugehen: Wir alle haben immer wieder Wut, weil etwas nicht so läuft, wie es soll. Eindringlich in Erinnerung ist mir zum Beispiel auch ein Autofahrer, der vor Jahren in seinem blitzeblanken, wahrscheinlich gerade geputzten Auto auf einer Kreuzung die Vorfahrt eines anderen übersah, in diesen reinfuhr, kreidebleich ausstieg und in maßloser Wut sein eigenes Auto mit einem Schraubenzieher attackierte. Dadurch wird nichts besser, sondern alles nur noch schlimmer.
Inzwischen habe ich das begriffen: Das Beste, was dir bleibt, wenn etwas Schlimmes passierte, ist, es nicht noch schlimmer zu machen, sondern zu retten, was zu retten ist! Nun wenigstens im Nachhinein Schadensbegrenzung zu betreiben.
Zwei Beispiele für ein gutes, gereiftes Verhalten: Wenn mir eine Flasche heruntergefallen ist, stelle ich sie schnell wieder auf, bevor sie ganz ausläuft. Früher hätte ich ihr vielleicht vorher noch einen Fußtritt verpasst. Oder: Ich habe mich trotz oder gerade wegen dem Navigationssystem verfahren und werde zu spät kommen. Das ist schlimm, gerade heute, gerade bei diesem Termin. Aber ich beruhige mich: Schlimm genug! Ein Unfall oder auch nur ein Punkt in Flensburg wären noch schlimmer. Betreibe Schadensbegrenzung, fahre ruhig weiter! Nun erst recht! Inzwischen kann ich das. Und meine Genugtuung darüber, nun wenigstens das zu schaffen, kann die Wut und die Enttäuschung über meine primäres Missgeschick mäßigen: Zumindest jetzt bist du nicht noch dümmer, sondern trägst die Verspätung wie ein Mann. Das trägt zu einer Fehlergelassenheit bei, die mich hindert, in eine frustrierte Kettenreaktion immer größerer Fehler hineinzugeraten.
Ich kenne Leute, die sagen: Mit dem/der – einem ihrer Kinder – kannst du kein „Mensch-ärgere-dich-nicht“ spielen. Der wirft dir die Figuren an die Wand, wenn er rausgeworfen wurde. Heute fügen sie vielleicht mit wichtiger Miene an: Er hat ADHS, da kannst’e nichts machen. Doch! Da hättest du schon immer was machen können und sollen: Mehr „Mensch-ärgere-dich-nicht“ und andere Spiele, bei denen Kinder das Verlieren lernen, spielen! Beim „Ärgere-dich-nicht“ nicht zu tricksen, um einen Rauswurf zu vermeiden, sondern mit ruhiger Geduld konsequent zu sein, ihn immer wieder die Figuren aufheben zu lassen und ihm mitteilen: Sag‘ Bescheid, wenn du bereit bist, weiterzuspielen.
Dafür braucht es Zeit, die haben und hatten viele nicht, schon immer, aber heute vielleicht besonders, weil das Smartphone wartet, für manche wichtiger ist als das eigene Kind. Da lagern wir das Problem doch lieber in den medizinischen Bereich aus: Wir können nichts machen, haben schon alles versucht (genauso flatterhaft und ohne Geduld wie das Kind selbst – von irgendwem muss er’s ja haben), er hat eben dieses Syndrom oder diese Störung. Punkt. Lasst uns mit euren Ratschlägen in Ruhe! Wir haben schon eine Therapie beantragt, aber heute muss man ja monatelang auf einen Termin warten!
In der Schule ist es das Gleiche: Fegt das Kind vor Wut seine Sachen vom Tisch, wird nach einem Psychologen oder Schulbegleiter gerufen, anstatt es zur Beruhigung rauszuschicken – aber da müsste Disziplin in der Klasse und der Schule herrschen und nicht das fragile Gleichgewicht einer relativen Ruhe, wie es heute in deutschen Schulen üblich ist -, geduldig zu warten, bis das Kind in der Lage ist, weitgehend selbst mit Worten und nicht mit Handlungen auszusprechen, zumindest nachzusprechen, was es so wütend gemacht hat. Dann wieder mit ihm hineinzugehen und das Kind alles aufheben zu lassen, was es heruntergeworfen hatte. (Wäre ein Schulbegleiter da, fast so teuer wie der Lehrer, hätte der das wahrscheinlich geflissentlich schon gemacht, hilfsbereit, wie er nun einmal ist: Damit das Kind schnell wieder lernen, am Unterricht teilnehmen kann. Nein! Das Kind muss jetzt lernen, dass es für seine Wut und ihre Folgen selbst verantwortlich ist.)
Verstehen Sie, worauf ich hinauswill? Diese furchtbare Amokfahrt hätte vielleicht verhindert werden können, wenn der Täter im Lebensalltag seiner Kindheit und Jugend besser – das heißt vor allem: ruhig und immer wieder – gelernt hätte, mit seinen Frustrationen umzugehen, wenn Familien, Kindergärten und Schulen erzieherische Probleme nicht ins Medizinische auslagern, sondern gemeinsam im Alltag das richtige Verhalten konsequent und geduldig einüben.
Oder das gemeinsame Essen. Die Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Das fängt schon damit an, dass die Kinder an seiner Zubereitung und am Tischdecken beteiligt werden. „Ich habe aber keinen Hunger!“ funktioniert nicht zur Gemeinschaftsvermeidung. „Du musst nichts essen, aber du setzt dich trotzdem hin; wir wollen dich, wir brauchen dich am Tisch!“ Und dann darf das Kind nicht einfach aufstehen, wenn es meint, satt zu sein bzw. lange genug am Tisch gesessen zu haben. Das entscheiden die Eltern. So könnte die kindliche Seele lernen, sich auch nach den Bedürfnissen und Interessen seiner Mitmenschen zu richten.
Das wäre ein wichtiges Lebenstraining, nicht jeden Impuls, der in meinem Kopf auftaucht, sofort umsetzen zu wollen, sondern Warten und das „Sich-nach-dem-Anderen-Richten“ zu lernen. Einfach im Alltag, ohne jede Therapie, wobei diese in schwierigen Fällen mit wirklich besonderen neuronalen Eigenarten oder nach einer langen persönlichen Geschichte, soziales Verhalten falsch zu lernen (alles ebenso unbewusst wie gutgemeint), einschließlich Medikation, natürlich dazukommen kann.