Ich schaue in den Himmel, sehe einen kleinen schwarzen Punkt. Schnell wird er größer. Und bumms knallt er neben mir nieder. Staub wirbelt auf, und ich habe einen großen Schreck bekommen.

Als ich genauer hinschaue, sehe ich, dass „Diabetes“ auf der Kiste steht, offenbar meine Diabetes. Ängstlich schaue ich zum Himmel: mehrere, schnell größer werdende Punkte kommen auf mich zu. Ich gehe in Deckung, da schlagen sie auch schon ein: Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall steht drauf und „Grübelzwang“ – lauter Krankheiten, die alle aus heiterem Himmel in mein Leben hineingefallen sind.

Mit der Art, wie ich vorher gelebt habe, als ich sie noch nicht hatte, haben sie natürlich nichts tun. Diese Behauptung ist „rhetorisch“. Natürlich haben sie das, wenn es auch biologische, schon von Geburt an in mir innewohnende Anlagen gegeben haben mag, die ihren Ausbruch begünstigt haben.

Aber, wissen Sie, ich bin Optimist, ich will immer bei dem ansetzen, was ich selbst erzeugt habe und deswegen beeinflussen kann. Und da bleibt genug übrig, auch bei psychischen Krankheiten.

Je schlimmer etwas ist, zum Beispiel ein Amoklauf, desto vorsichtiger sind die Leute, besonders die wichtigen und gebildeten, bei der Ursachensuche. Es sind dann gern geheimnisvolle psychische Krankheiten, Psychosen zum Beispiel, von denen niemand wissen könne und will, wie sie entstanden sind. Wir wollen doch keinem zu nahe treten und nicht als undifferenziert denkende Leute gelten. Da halten wir uns lieber alles offen, legen uns nicht fest.

Der Fokus könnte aber auch darauf liegen, wie so etwas in der Zukunft verhindert werden kann, nicht in erster Linie durch immer bessere Sicherheitsmaßnahmen, sondern durch eine gezielte und bewusste Veränderung der Art, wie wir zusammenleben, besonders mit unseren jungen Familenmitgliedern und Mitmenschen. Die Art der Beziehung zu den anderen, ob wir dazugehören, einen Platz in der Gemeinschaft haben, der sicher ist, auch wenn wir momentan versagen, ist entscheidend für unser Wohlgefühl, und das ist entscheidend für unsere Gesundheit.

Die massenhafte Zunahme in den westlichen Gesellschaften von „Autismus“, über den echten, neuronal-frühkindlichen hinaus, hat für mich zum Beispiel entscheidend mit der immer mehr zunehmenden Ausrichtung des Denkens und Handeln auf einzelne Individuen und ihre Besonderheiten zu tun. Die Gemeinschaften sollen sich mehr den Individuen anpassen als umgedreht, obwohl Persönlichkeitsentwicklung nur in der ersteren Richtung möglich ist. Das führt zu einem Nebeneinanderherleben der Menschen, eine Verengung des Fokus auf das eigene Ich. Und das macht auch störanfälliger für psychische Krankheiten wie Neurosen und Psychosen. Das sind meine Hypothesen, nicht mehr und nicht weniger, auch das Folgende:

Eine autistische, auf sich selbst bezogene Lebensweise erzeugt – wen wundert’s – „Autismus“, den die Gesellschaft dann aber wieder mit Milliarden ausgleichen soll; die Jugendhilfeetats explodieren. Und für wen „Lust“ das wichtigste Kriterium ist, etwas zu tun oder nicht, und der deshalb bei den elektronischen Medien hängenbleibt, die kurze Aufmerksamkeitsspannen, auf den Punkt sozusagen, belohnen und nicht die langen, der bildet – oh, welch‘ rätselhaftes Wunder! – ADHS aus.

Erziehung ist – auch – der Versuch, modisch angesagte Lebensweisen nicht einfach hinzunehmen, sondern durch das bewusste und gezielte Einüben guter – mitmenschenbezogener –  Umgangsformen zur Fähigkeit und dem Bedürfnis beizutragen, sich in andere einzufühlen. Das hilft dann zum Beispiel auch gegen Wahnvorstellungen (Psychosen), gegen das „Hängenbleiben“ in inneren Gedankenschleifen um das eigene Ich.

Ich sage nicht, dass wir das damit vermeiden können, aber wir können die Wahrscheinlichkeit und die Stärke des Auftretens mindern. Das immer wieder zu versuchen, ist es wert, es ist – frei nach den Bremer Stadtmusikanten – allemal etwas Besseres als die Krankheit (und schlimmstenfalls auch der Tod).

In diese Richtung ging mein vorheriger Beitrag, der 11. auf dieser Seite. Ich habe die Chefredakteure der LVZ und der Sächsischen Zeitung darauf hingewiesen. Immerhin hatte ich dort jahrelang eine Erziehungsberatungskolumne (in der LVZ bis 2000 und in der SZ bis 2020), und es wäre doch gut, nicht nur zu trauern und Sicherheitsvorkehrungen hochzufahren, sondern auch zu überlegen, was wir in unserem alltäglichen Leben ändern können, um die Gefahr solcher Amokläufe zu mindern.

Wenigstens das können sie doch möglicherweise befördern, wenn sie schon nicht zu verhindern waren. Am 11.05.26 habe ich die Chefredakteure kontaktiert. Bisher habe ich noch keine Antwort erhalten.