Mein „Lebensplan“, der „rote Faden“, die „innere Zielstrebigkeit“, die „vereinigende Funktion“ oder „Ausgangsabstraktion“ meines Lebens holen mich ein. Die ersten drei Begrifflichkeiten gehören zur Individualpsychologie Alfred Adlers. (Ich habe im Kontext der Individualpsychologie hier auf dieser Seite schon darauf verwiesen.) Die „vereinigende Funktion“ ist ein Begriff der Lernpsychologie; er ist mir durch die sowjetische Psychologie vertraut geworden, insbesondere durch Pjotr Galperin. Die „Ausgangsabstraktion“ entstammt der Marxschen Erkenntnistheorie, die er in der „Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie“ entwickelt hat.
Wir leben in einer Welt des Überangebots von allem, das in materieller Hinsicht – der Krimskrams in den 1-Euro-Läden quillt über -, aber auch in ideeller Hinsicht: Es gibt immer mehr Gedanken und Theorien – und noch schnorkerer: – angeblich handfeste Ergebnisse empirischer Studien. Nur wirkliche Beziehungsfähigkeit, echte Empathie fehlen und das Bewusstsein von Gesetzen, die die überbordende Vielfalt ordnen können. Und genau das sind „vereinigende Funktionen“ und „Ausgangsabstraktionen“. Sie sind die kognitive „Keimzelle“, aus der sich alles Weitere herleitet und worauf die gewucherte Vielfalt wieder zurückgeführt werden kann.
Wenn ich versuche, die Vielfalt pädagogischer Probleme im heutigen, modernen „Westen“ auf die Hypertrophie der Individualisierung im Verhältnis von Mensch – Gesellschaft, insbesondere dem des einzelnen Menschen zu den verschiedenen Schichten und Qualitäten seiner Gemeinschaftlichkeiten, zurückzuführen, wird mir erwidert, das Problem sei wesentlich komplexer und es bedarf differenzierterer Sichten. Ich soll also in den Dschungel des bunten Wirrwarrs zurück. Das, was eine „Ausgangsabstraktion“ ist und wie notwendig sie ist, wenn wir uns nicht in der unüberschaubaren Vielfalt „individueller“ Erscheinungen verlieren wollen, ist diesen Kritikern, die sich angeblich „in der Forschung“ auskennen, nicht bewusst.
Die fachlichen Konzepte werden in Deutschland immer differenzierter und, damit verbunden, die finanziellen Aufwendungen für ihre Umsetzung immer höher. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Immer mehr Kinder und Jugendliche scheitern in dieser Gesellschaft. Man könnte diese Parallelität, die direkte Proportionalität zwischen beiden Vorgängen lustig finden, wenn es nicht so traurig wäre. Kann es nicht sein, dass die vielen „fachlichen“ Leute, Sonder- und Heilpädagogen, erst eine Art Unterdruck erzeugt haben, nachdem sie einmal da waren, der die Krankheiten und Entwicklungsstörungen, von denen vor 50 Jahren noch nicht einmal ihre Namen bekannt waren, sozusagen in unser Leben „hineingesogen“ hat? [Ich habe das Fragezeichen „fett“ gemacht – sehen Sie. Ich denke generell, dass es wichtiger ist, die richtigen Fragen zu stellen, als richtige Antworten zu geben.] Je mehr Spezialisten es gibt, die auf die exklusive Fachlichkeit ihres Denkens achten, desto mehr gibt es nun auch „Spezialkrankheiten“ und -Störungen.
Ich bleibe bei meinen Leisten, bei meinem philosophischen Denken. Ich versuche nicht, diese Leute mit einer Vielzahl – noch neuerer – empirischer Erkenntnisse zu überbieten. Würde ich das tun, würde ich mich als ein Igel mit kurzen Beinen auf einen Wettlauf mit Hasen und dessen lange Beine einlassen. Das passt nicht. Da hole ich lieber meine Frau dazu, schaffe also sozusagen eine „Ausgangsbeziehung“, und beide sagen wir zum Hasen, der atemlos über den Acker der Erkenntnis hetzt: „Wir sind schon da“, lakonisch, ohne Ausrufungszeichen.
Da verbindet sich Kognitives mit Emotional-Sozialem, das kognitive Ausgangsabstraktum mit dem „sozialen Lebensplan“, der „inneren Zielstrebigkeit“ eines – auch meines – persönlichen Lebens. Mit dem Erkennen dieses inneren Gesetzes meiner Individualität kann ich sozusagen „von hinten“ mein Leben aufrollen, mir es heute verständlich machen, weil es mich auf die Keimzelle meiner Lebensmotivation verweist.
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Du kannst dich nicht konzentrieren? Du kannst nicht in Betracht ziehen, dass deine Mitmenschen auch Bedürfnisse haben und sie möglicherweise sogar verstehen und beachten?
Da halten wir dir, armer Junge, armes Mädchen, hier im „freien Westen“, wo wir ihn uns – noch! – leisten können, doch einen schönen „Bademantel“ hin: Du hast ADHS oder Autismus.
Dann sind du und deine Eltern erst einmal zufrieden, die, die gestört und missachtet werden, zwar nicht, aber ein Anfang ist gemacht. Der richtige Anfang wäre gewesen: a) Wann, warum und wie hast du nicht gelernt, dich zu konzentrieren, und wie können wir das jetzt aufholen? b) Wann, warum und wie hast du nicht gelernt, die Interessen, Ansprüche und Bedürfnisse deiner Mitmenschen wahrzunehmen und zu beachten, und wie können wir das jetzt noch aufholen. Natürlich, es gibt auch, wie ich schon mehrfach festgestellt habe (vor allem im 7. und 9. Beitrag), einen echten neuronalen, frühkindlichen Autismus. Aber erstens: Auch bei dem lässt sich erzieherisch noch etwas machen, wenn die verantwortlichen Bezugspersonen schön bescheiden bleiben und nicht zu viel erwarten und verlangen. Und zweitens gibt es heute bei uns mehr noch Pseudo-Autismus, weil es verpönt ist, die Fragen (a und b), die darüber stehen, zu stellen.
In der neuen Welt des guten Westens ist fast nichts mehr biologisch. Das Geschlecht zum Beispiel können Jugendliche und Erwachsene jährlich, einfach durch Mitteilung beim Standesamt wechseln. Aber Verhaltensprobleme müssen unbedingt und zuerst biologischer Natur sein! Etwas ist desto ideologischer, je unlogischer es für den praktischen Menschenverstand ist. Der moderne Westen ist demnach hochideologisch.
Wie schön ist es doch, einem zitternden Kind, das aus dem kalten Wasser steigt, einen Bademantel hinzuhalten. Das ist gut, das ist richtig. Dieses väterliche Gefühl ist mir vertraut. Nur zu gern schlüpft das Kind hinein, jedenfalls dann, wenn es wirklich friert und nur zu gern „rubbelt“ es die mütterliche oder väterliche Person ab und trocken. Beide Seiten fühlen sich wohl.
Was passiert aber, wenn sich Kinder und elterliche Personen an diesen Bademantel gewöhnen, ihn als Selbstverständlichkeit erwarten und einfordern, auch dann, wenn es gar nicht kalt ist, jedenfalls objektiv, und das Kind gar nicht gefroren hat?
Mir kommt unsere – westliche – Welt zunehmend so vor: Es gibt Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten des Lebens, für die diese Biologisierung und Psychiatrisierung – metaphorisch gesprochen: der Bademantel – immer mehr in Anspruch genommen werden. Ich warte nicht mit Studien auf, sondern verlasse mich auf meine jahrzehntelang geübte Beobachtungsgabe und meine Skepsis vor ausgefahrenen Denkloipen. Außerhalb ihrer drohen allerdings „Denkbretter“ und „Denklawinen“. Diese Gefahr nehme ich in Kauf, Hauptsache, ich bleibe eigenständig in meinem Denken, begebe mich nicht in die Mitte der Strömung des Angesagten und Erwarteten.
Eine Kollegin, Uta Firth, die das Konstrukt der Autismus-Spektrum-Störung /ASS) in das pädagogisch-psychologische Denken eingeführt hatte, ist aus dieser Loipe des fachlichen Denkens in Bezug auf Kinder und Jugendliche ausgestiegen. Ich hatte schon darüber berichtet. Es wurden einfach zu viele, die davon betroffen waren. Inzwischen ist es wahrscheinlich leichter möglich, die Schüler in einer Klasse zu bestimmen, die tendenziell eher nicht unter ADHS oder ASS leiden als die, bei denen es so ist bzw. so sein soll.
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Mein persönlicher Lebensplan war und ist zuerst, zur Geltung zu kommen, wer zu sein, wie das für alle vitalen Menschen zutrifft. Und dann kam bei mir eine kindlich-jugendliche Sehnsucht nach Freundlichkeit, nach Harmonie und Feinfühligkeit hinzu. „Und die Welt wird sein so schön“ hatte ich als 13-Jähriger auf den Umschlag eines Heftes geschrieben. Ich wollte einen Film schreiben, der allen zeigt, wie schön das Leben und die Welt sein könnten, wenn wir nur freundlich zueinander wären, Geduld miteinander hätten, davon ausgehen könnten, dass etwas, was uns stört oder ärgert, jemand nicht aus Bosheit getan hat, sondern aus Versehen, weil ihm gar nicht klar war, wie sehr es uns stört, oder aus Überforderung, weil jemand selbst schon zu oft verletzt wurde. Das war meine „Lebenssehnsucht“ – ein anderes und zusätzliches Wort zu denen am Anfang dieses Beitrags genannten -, die ich als Kind und Jugendlicher entwickelt hatte.
Es war eine große Sehnsucht nach dem „Rücksicht-Nehmen“ aufeinander, nach dem Lieb- und Freundlich-Sein zueinander. Keiner sollte in einer kommunistischen Gesellschaft Angst haben vor Beleidigungen, vor dem Ausgelacht- und Verächtlichgemacht-Werden, weil er etwas nicht so gut konnte wie die anderen. Das war ein Hauptthema meines Denkens, das wie in einem (klassischen) Musikstück immer wieder vorkommt, es war und ist die grundsätzliche Färbung einer Ausgangsabstraktion, in die es getaucht war.
Für mich bzw. mein Denken ist ja auch die Metaphern-Affinität typisch. Ich will alles Einzelne in einen größeren Zusammenhang stellen, Verknüpfungen durch bildhafte Analogien herstellen. Das ist die Sehnsucht nach dem Ganzen, das auch Emotionen und Stimmungen mit einschließt, sozusagen nach dem großen ganzheitlichen Bild, das nicht exakt konturiert ist, sondern „weich“, etwas verschwommen, mit fließenden Übergängen, sozusagen „dunstig“ ist. Früher hatte ich geglaubt, ich entspräche Hermann Hesses Narziß-Typ. Inzwischen weiß ich, dass meine Art zu philosophieren viel mehr zum künstlerischen Typ Goldmunds passt, obwohl ich nicht extravertiert, sondern von Haus aus scheu und verklemmt bin.
Meine Metaphern-Verliebtheit lässt mich zu „Ausgangsabstraktion“, „vereinigende Funktion“, „Keimzelle“, „roten Faden“ eines Ganzen neben dem zuletzt genannten „Hauptthema“, das in einem Musikstück immer wieder auftritt, und seiner grundsätzlichen „Färbung“ auch noch an eine für es typische „Temperatur“ denken. Ich liebe die warmen Tage, friere viel eher als ich schwitze. Ich bin also außenabhängig, beziehungsabhängig, kann die Wärme, die ich brauche, nicht allein aus mir selbst heraus erzeugen; ich brauche ein freundliches, warmes Ganzes, zu dem ich gehören kann. Aber ich will nicht einfach von außen gewärmt werden, sondern möchte die Wärme durch aktive Wechselbeziehungen in den Gemeinschaften (Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Landsleute), zu denen ich gehöre, selbst generieren, für mich und die anderen, so lange ich noch nicht zu alt und zu schwach dafür bin.
Meine Freundlichkeits-Sehnsucht, die mein Denken und Fühlen als ein (abgeleitetes) Ausgangsabstraktum (hoher Ebene, sozusagen 1b) durchdringt, war auch mit einem grundsätzlichen Optimismus (hohe 2. Ebene) und, davon abgeleitet, mit einer hohen Technik-Gläubigkeit (2b) meinerseits verbunden, die es der zukünftigen Gesellschaft, die ich vor Augen hatte, ermöglichen würde, mehr zu produzieren, als alle brauchten, wodurch der Missgunst schon die wichtigste Motivation entzogen wäre, wie ich dachte und bis heute denke. Ich bin zum Beispiel immer noch davon überzeugt, dass außerirdische Zivilisationen, die technisch in der Lage sind, mit uns Kontakt aufzunehmen, moralisch in Ordnung, uns also wohlgesonnen „sein müssen“, weil für mich ein technisch hochentwickeltes Denken eine lange Entwicklungs- und Reifezeit dieser Zivilisationen voraussetzt, die, wenn sie erfolgreich war, auch und gerade das Rücksicht-Nehmen aufeinander zur Grundlage macht. Wenn nicht, wären sie nicht so weit gekommen, sondern hätten sich vorher schon selbst zerstört.
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Ich war schon in der 3. Klasse von einer Mathematik-Lehrerin an der Tafel vorgeführt worden, weil ich die Reihenfolge der Ziffern einer mehrstelligen Zahl fortwährend verwechselte. Das war das erste einschneidende Ereignis, das meinen naiven Optimismus, meinen Glauben an das Gute im Menschen erschütterte. Natürlich kamen viele ähnliche Erlebnisse dazu, die meine Angst, mich zu blamieren, als der Dumme dazustehen, verstärkten. Zum Beispiel war da noch um die 4. oder 5. Klasse herum die Sportlehrerin, die mich nicht vor der Blamage rettete, beim Hochsprung immer wieder die Holzlatte zu reißen. Die Klasse lachte schallend, wenn ich mich wie ein scheuendes Pferd jedes Mal kurz vor dem Absprung vertrippelte. Meinen Mitschülern nahm und nehme ich das nicht übel. Es sah bestimmt wirklich lustig aus, und ich hätte bestimmt auch gelacht. Aber der Lehrerin nehme ich es übel, dass sie mich nicht geschützt hat.
Aus Versagensängsten und Minderwertigkeitsgefühlen entsteht das Streben nach Überlegenheit. Sensible Seelen können sich nur so retten.
Bei mir war es der Gedanke, dass ich sportliche „Rabauken“, die ich gedanklich zu „einfach gestrickten“ machte, damit ich auf sie herabblicken konnte, weil sie angeblich und zum Teil auch tatsächlich weit entfernt von meinen „philosophischen“ Höhenflügen waren, erziehen wollte zu der Fähigkeit, Rücksicht auf die Sensibleren ihrer Mitmenschen zu nehmen. Hier vermischt sich das Geltungsstreben jedes vitalen Menschen mit meiner Freundlichkeitssehnsucht. So entstand mein pädagogisches Ethos, mein Wunsch, Psychologie und Pädagogik zu studieren, um meine Lebenssehnsucht praktisch umsetzen zu können.