So singt es Rammstein in seinem Lied „Dalai Lama“ von 2004. Mich macht das „müssen“ beim Leben nachdenklich: „Wir müssen leben, bis wir sterben“ – dürfen?

Aber eigentlich geht es mir bei der Überschrift um den ersten Teil: „Weiter, weiter ins Verderben“. Und wie komme ich drauf? Durch die Schlagzeile am 30.12.25 in der Leipziger Volkszeitung auf Seite 1:

„Neuer Vorstoß: Schüler und Eltern wollen Zensuren in Sachsen abschaffen“

Kleine Verwunderung nebenbei: Wieso heißt es nicht „Schüler und Schülerinnen, Eltern und Elterinnen“? Ist denn etwa neuerdings das übergreifende Allgemeinmenschliche in der modernen und offenen deutschen Gesellschaft wichtiger geworden als das geschlechtlich Differenzierte? Oder fehlte einfach nur der Platz bei der Überschrift mit den großen Buchstaben? Letzteres wird wohl der Grund gewesen sein.

Durch „Vorstöße“ dieser Art wird die Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft immer weiter sinken. Und wer denken kann, weiß, was das bedeutet: Ihr Lebensstandard, die Lebenszufriedenheit der Menschen wird immer weiter sinken.

Wenn kindliche Vorstellungen von Gerechtigkeit und Glück direkt in das wirkliche Leben übertragen werden, geht es abwärts. Ein unschuldiges Kind denkt: Das, was mir gefällt, was bequem und leicht für mich ist, ist auch gerecht und gut.

Nur eine durch und durch dekadente Gesellschaft kann auf die Idee kommen, dass es möglich und gut ist, die Welt mit ihren Anforderungen an die Ansprüche und Bedürfnisse jedes einzelnen ihrer Mitglieder anzupassen.

Solange sich eine Gesellschaft entwickelt, insbesondere hinsichtlich ihrer Produktivität – so viel Marx muss nach wie vor gelten – , so lange müssen ihre Mitglieder fähig sein, sich selbst mehr an die Notwendigkeiten ihrer Zeit anzupassen, als sie das umgedreht in Richtung der Anpassung der Gesellschaft an die Ansprüche Einzelner erwarten, die sie in Bezug auf ein „gutes“ Leben in gerade dieser Gesellschaft und Zeit entwickelt haben.

Und was ist ein „gutes“ Leben in einer individuum- und subjektzentrierten Zeit, die deswegen so werden konnte, weil ihre Produktivität hoch genug ist?

Eigentlich sind wir in einer Zeit angekommen, in der in den technisch entwickelten Nationen der Welt, also fast überall außer vorläufig in den größten Teilen Afrikas und Südamerikas, der Kommunismus möglich sein müsste: Wenn mehr produziert wird, als alle verbrauchen können und wollen – mehr Butter und Brot, mehr Autos (sogar Premiummarken) und Computer usw. – , dann könnte das Geld abgeschafft werden. Es sind ja sowieso mehr Waren da, als konsumiert werden können. Vielleicht müssten dann nur noch besonders begehrte Luxusobjekte wie Gold und Silber oder Immobilien mit ihrem Grund und Boden käuflich sein. Aber das ist jetzt nicht das Thema dieses Beitrages, sondern ein Nebengedanke. Zurück zum Hauptgedanken, zur Frage, die ich vor diesem Einschub gestellt hatte:

Es ist ein bequemes und leichtes Leben, dessen wichtigstes Kriterium ist, keine Anstrengungen von ihren Menschen zu erwarten, die nicht selbst gewollt sind.

Genauso erziehen heute Eltern: Sie wollen nur das von ihren Kindern verlangen, was diese sowieso schon selbst wollen. Ist es ihnen nicht gelungen, sie davon zu überzeugen, verlangen sie es auch nicht. Wer so erzieht, zementiert den Status quo. Weiter geht es nur durch das Aushalten und die schrittweise Lösung von spannungsvollen Widersprüchen.

Das große Missverständnis ist, dass Leute, vielleicht auch Sie, liebe Leser dieser Internetseite, glauben, dass eine fordernde, „strenge“ Erziehung automatisch unfreundlich, ungeduldig und ruppig sein muss. Nein! Sie kann und soll freundlich und geduldig sein. Das gerade macht erzieherische Meisterschaft aus: Immer wohlwollend, geduldig und freundlich zu bleiben und trotzdem auch und zugleich konsequent: „Das hast du heute nicht geschafft. Aber du hast dich bemüht – und das ist das Entscheidende („Nicht wer das Ziel erreichte, sondern wer sich ehrlich strebend darum bemühte, den können wir erlösen“, singen die Engel sinngemäß im Faust II) – und morgen ist auch noch ein Tag. Da geht es weiter.“ Der freundliche Ton macht die Musik, auch wenn sie selbst anspruchsvoll bleibt.

Entschuldigung. Die folgende Argumentation habe ich geklaut, von mir selbst, aus meinem Buch „Erziehen. Hickethiers Ratgeber. edition Sächsische Zeitung, Dresden 2016, S. 193“. (Es wurde 2025 makuliert, weil der Verlag jede weitere Werbung verweigerte und Vorträge, die ich dazu halten wollte, mit fadenscheinigen Gründen storniert wurden. Es geht ganz schnell, dass du in diesem Land „draußen“ bist, sozusagen geistig abgeschoben wirst. Da braucht nur jemand zu behaupten, dass du „rechts“ seiest. Restexemplare gibt es noch bei mir.)

LIEBENDE ELTERN STRECKEN IHRE WILLENSKRAFT FÜR IHRE KINDER VOR.

Sie tun das, wenn die Kinder selbst noch nicht genug davon haben. Das ist eine Art ‚Willenstransfusion‘, ebenso nötig wie Bluttransfusionen in lebensgefährlichen Situationen. Aber das gilt nicht nur in diesem extremen Fall, sondern prinzipiell…

Wir können uns selbst nie lieben lernen, wenn mütterliche und/oder väterliche Menschen uns nicht schon zuvor liebten. Auch in diesem Fall muss erst einmal etwas von den Älteren vorgestreckt werden, was die Kinder selbst noch nicht haben können. Das Gleiche gilt für das Selbstvertrauen. Und eben auch für die Selbstbeherrschung. Diese ist eine ganz schwierige Kunstfertigkeit, die wohl kein Mensch je vollständig erreichen wird.

[Ohne dass Menschen zuvor in ihrer Kindheit und Jugend auf eine gütige, mütterliche oder väterliche Weise fremdbeherrscht wurden, kann die Selbstbeherrschung nicht entstehen, genauso wie sich ohne das zuvor äußerlich „aufgespannte“ Verhältnis der Liebe und des Vertrauens keine Selbstliebe und kein Selbstvertrauen entwickeln können.]

Mir jedenfalls mangelt es daran [an der Selbstbeherrschung] beträchtlich und ich schädige z. B. leider meine Gesundheit, obwohl ich genau weiß, dass ich nur diesen einen Körper habe. Mir geht es wie vielen: Nur eine starke Liebe könnte mir die Selbstliebe geben, auf Schwarzwälder und Sachertorte zu verzichten. Ob ich jetzt noch auf meine alten Tage durch die ‚Herrschaft‘ eines Menschen, mit dem ich liebe- und vertrauensvoll verbunden bin, das nötige Maß an Selbstbeherrschung verinnerlichen kann, steht in den Sternen.

Immer wieder höre ich von jungen Männern, die sich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet haben, dass sie dies bewusst tun, um dort doch noch für ihr Leben Disziplin zu lernen. Was sind das für sympathische, einsichtige Burschen! Nicht selten sagen sie, dass ihnen gerade das

[- eine konsequente und gerechte äußere Macht – ]

in ihrem bisherigen Leben fehlte, weil sie keinen Vater hatten und auch ihre Lehrer im Laufe der Jahre immer stromlinienförmiger und verwechselbarer wurden.“ (S. 192f.)

Lange ist es her, dass Eltern und andere Erziehende gesagt hatten: „Der Appetit kommt beim Essen. Fang erst einmal an mit dem, was du tun sollst, auch wenn du selbst es noch nicht tun willst, du wirst schon merken, dass es richtig und gut ist – beim eigenen Tun und nicht beim Anhören immer ausgefeilterer Motivationsreden von „Bildungs- und Erziehungsexperten“. Das Letztere führt nur dazu, dass du wie ein Drogensüchtiger eine immer höhere Dosis davon erwartest und einforderst.

DASS DU LUST HAST, VERLANGE ICH GAR NICHT. Um Lust geht es nicht.

Das Einzige, was mich als Erziehender interessiert, ist, ob die Aufgabe ordentlich erledigt wurde oder nicht. Und geschah dies aus Pflichtbewusstsein, ist es sogar noch mehr wert, als wenn ein Kind von Anfang bis Ende aus Lust handelte. So ist die Welt sowieso nicht. Bisher folgt in Deutschland dem kindlichen Ausruf: „Ich habe aber keine Lust (mehr) auf die Schule!! “ regelmäßig ein emsiges Treiben bei den Pädagogen: Wie kann die Attraktivität – der „Lustappeal“ – des Unterrichts erhöht werden? Das ist das Einzige, was sich hier heute in einem solchen Fall ändern muss, nicht etwa die passive Anspruchshaltung lustloser Lernkonsumenten.

Aber genau diese Konsumhaltung gehört zuerst umgedreht: Wir müssen die „Kids“ befähigen, so lange beim eigenen Tun durchzuhalten, bis sie die Attraktivität z. B. eines angeblich langweiligen Unterrichts entdecken können. Das gleiche gilt beim Sporttraining, bei Haushaltspflichten usw. Immer heißt die Moral der Übung: Du kannst nicht einfach mittendrin aufhören, wenn sich andere Menschen auf dich verlassen.“ (Ebenda, S. 193)

Wie sagt der Lateiner? Lernen beim eigenen Tun und durch es oder: Lust und Lernappetit kommen beim Essen, indem das zuverlässig und ausdauernd getan werden muss, was zuvor noch nicht angesagt und beliebt war. So geschieht Entwicklung, von Stufe zu Stufe.

Was ist das für ein Menschenbild? Die Welt hält Geheimnisse und Attraktionen bereit, die über das hinausgehen, was ein Individuum bzw. ein Subjekt gerade schon selbst will.

Ist denn das die Möglichkeit!? Das gibt es doch gar nicht! Der subjektive, individuelle Wille ist uns doch in Deutschland heilig! Darauf muss die Welt mit ihren Möglichkeiten und Notwendigkeiten doch zurückgebogen und gestutzt werden, sonst ist sie kinderfeindlich.

Aber können nicht auch Kinder „weltfreundlich“ werden, und kann es nicht gut sein, einen maßvollen Druck in diese Richtung auszuüben? So, wie auch nicht jeder Alkoholkonsum schädlich ist, obwohl Alkohol immer ein Nerven- und Zellgift ist.

Es gibt eine Kultur des moderaten Alkoholgenusses, deren Gewinn – insbesondere Entspannung, Weitung und Öffnung der Gedanken und Gefühle – seine nach wie vor vorhandene Schädlichkeit übersteigen kann.

So ist es auch mit der moderaten, maßvollen oder kultivierten Druckausübung bei der Erziehung, wenn sie auf der Grundlage von Wohlwollen und Freundlichkeit beruht (siehe oben) und sich intuitiv gekonnt, im rhythmischen Wechsel, mit Phasen lockerer Verspieltheit abwechselt: Anspannung – Entspannung – Anspannung – usw.

Immer gleich auf die skizzierte oberflächliche Weise entspannt kindbezogen sein zu wollen, schadet zuerst den Kindern selbst. Das ist das Credo einer untergehenden, „westlichen“ Welt. Der Leitgedanke einer aufstrebenden östlichen, insbesondere chinesischen Welt ist: Wir fördern unsere Jugend nicht nur, wir fordern sie auch, wir helfen ihr, sich auszustrecken nach den Erfordernissen ihrer Zeit und nicht nach dem, was ihnen von vornherein und sofort Spaß macht. /1/

Bleiben wir in der westlichen Welt so orientiert darauf, ob Einzelne auch ja genug „Lust“ auf etwas haben, geraten wir endgültig in eine Gesellschaft, in der es primär um Launen und Stimmungen geht, verbunden mit  psychischen Labilitäten aller Art, geradeso wie bei den adligen Damen in der monarchistischen Gesellschaft: Die Frau Baronin ist heute indisponiert, alle haben auf Zehenspitzen zu gehen und ihr ihre Wünsche von den Augen abzulesen. Das Schlimme daran ist, dass ihre Ansprüche immer höher werden, je öfter man sie bedient, und es entsteht ein versteckter Hass bei den Bedienern, schadet langfristig also allen, weil ja auch die „Baronin“ zur Lebensunfähigkeit erzogen wird.

 

Und was hat das alles mit dem „Vorstoß“, die Zensuren abschaffen zu wollen (siehe oben), zu tun?

Eine wohlwollende Strenge braucht eindeutige, „knackige“ Rückmeldungen zum erreichten Leistungsstand, ohne ein Drumherumgerede in der Art der Arbeitszeugnisse, wo es möglich ist, positive Formulierungen einzuklagen. Anstatt Bewertungen schwammig zu machen, sollten Menschen doch viel mehr lernen, mit Kritik zu leben. Schwächen gehören zum menschlichen Leben genauso wie Stärken.

Ich hatte zum Beispiel Probleme mit der Rechtschreibung, habe trotz vielem Üben nur mit Mühe und Not eine Drei geschafft. Ist es da wirklich hilfreich, drumherum zu reden? Nein! Ich wusste, hier bin ich schlecht, dafür sind meine Gedanken und mein Ausdruck originell. Und das ist wichtiger als die Rechtschreibung, habe ich mir selbstbewusst gedacht.

Und dann war doch die klare Rückmeldung hilfreich: Aber mit so vielen Fehlern können andere deine Originalität gar nicht mehr erkennen. Du musst auch daran arbeiten: geduldig und ausdauernd. Nur was (sehr) lange währt, kann dann irgendwann wenigstens einmal befriedigend werden.

Was ist das für ein Menschenbild, Kindern und Jugendlichen die klare Benennung ihrer Mängel nicht mehr zuzumuten? In der Tat: Dazu gehört Mut, der auch bei den Kritisierten wächst, wenn Erziehende willens und in der Lage sind, auch und vor allem nach dem zu suchen, was ein Kind gut kann und es zu finden, denn jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Über Noten kann und soll dann ja auch geredet werden, auch in einem Beurteilungstext auf dem Zeugnis; sie sollen erklärt, in den Gesamtzusammenhang des Unterrichts, des Fachs und des einzelnen Kindes eingeordnet werden, aber nicht, damit sie dann noch geändert werden können, sondern damit zukünftige besser werden.

Um Streitereien zu vermeiden, die nicht weiterführen, sollte hier das Schiedsrichter-Prinzip gelten: Lehrer sind Menschen, genauso wie Schiedsrichter, sie machen zwangsläufig Fehler. Aber deswegen kann nicht jede Entscheidung, jedes Urteil zurückgenommen werden. „Berührt, geführt“ oder „Gesagt bzw. gezeigt, wenn es um eine gelbe oder rote Karte geht“, gilt.

Die Gerechtigkeit wird nicht rückwirkend für jeden einzelnen Moment hergestellt, sondern sie ergibt sich in der „langen Linie“ und dem Vertrauen darauf, dass sie letztendlich und auf die Dauer zu Geltung kommt, auch durch eine Zensurenbildung auf dem Zeugnis, die nicht zuerst der arithmetischen Genauigkeit verpflichtet ist, sondern der individuellen Lernkurve eines Schülers. Das dürfte ja auch das Denkprinzip sein, das dem Wunsch zugrundeliegt, Noten durch Beurteilungstexte zu ersetzen.

Und immer wieder soll das Bemühen gewertschätzt werden. Das ist genauso wie ein gutes, rücksichtsvolles Betragen wichtiger als alles andere. Nicht die ehrliche und klare Kritik schlechter Leistungen gefährdet die Persönlichkeitsentwicklung, sondern nicht zu lernen, dass Kritik zum Leben dazugehört und dass es auf den Mut und den Optimismus ankommt, aus ihr zu lernen, indem sich Menschen auf ihre eigenen Stärken besinnen.

 

Fußnote

/1/ Ob das wirklich durchgängig so ist oder mehr meinem eigenen Wunschdenken entspricht, bleibt zu beobachten. Ich komme darauf, weil ich eine Reportage „Der chinesische Traum“ im Fernsehen gesehen habe. (Da sie im deutschen Fernsehen gesendet wurde, war dieser Titel natürlich auf Englisch formuliert. Mich würde interessieren, ob die Chinesen selbst auch vom „Chinese Dream“ sprechen oder ob sie im Gegensatz zu den Deutschen noch in der Lage sind, für das Eigene auch die eigene Sprache zu verwenden.) In dieser Reportage werden begeistert junge Leute gezeigt, allerdings meistens schon über 30, die machen, was sie selbst wollen, die sich erfolgreich davon befreit haben, was ihre Familie und der chinesische Staat von ihnen erwarten. Dieser Individualismus würde angeblich glücklich machen. Ein über 30-Jähriger sieht seinen Lebensinhalt zum Beispiel darin, Skateboard zu fahren. Die Reporter sind entzückt. Ich bin auf den Gedanken gekommen, ob es vielleicht so ist, dass die Journalisten, die diese Reportage gedreht haben, wie Hühner sind: Sie picken nur das auf, was sie kennen und von dem sie wissen, dass es ihnen schmeckt. Diese Reportage ist vielleicht eher das Ergebnis des westlichen Denkens ihrer Autoren, als dass der Individualismus in China tatsächlich das gemeinschaftliche Denken ablöst. Vielleicht ergänzt er es auf eine maßvolle Weise, ohne es abzulösen, und das wäre ja gut.