Wie entwickelt sich das Leben? Indem sich der Einzelne an die Gesellschaft anpasst oder umgedreht? Das ist nicht nur die „Grundfrage der Erziehung“, sondern auch ein leitendes Thema dieser ganzen Internetseite.

Es geht um beides, weil sich beides dialektisch durchdringt: Das Individuum entwickelt sich durch die Beziehungen zu anderen Menschen, also durch den Grad und die Qualität der Kollektivität seines Lebens. Und die Kollektive, Gemeinschaften und Gesellschaften entwickeln sich durch die individuellen Fähigkeiten ihrer Mitglieder. Damit sind wir auf der sicheren, „neutralen“ und dialektischen Seite. Wir müssen uns nicht festlegen, nicht Prioritäten setzen, sondern lassen alles, nach allen Seiten hin offen.

Ich hatte mich aber schon „festgelegt“, Partei ergriffen für das Primat der einen Seite gegenüber der anderen:

Im „Westen“ soll die Gesellschaft hin zu ihren vielen Einzelnen fließen, zwangsläufig zerfließen. Die Vereinzelung der Individuen nimmt so zu. Im „Osten“, insbesondere in China und Indien, ist es andersherum: Dort sollen sich die Einzelnen auf das Große und Ganze ihrer Nation ausrichten und indem sie zu ihm „hinfließen“, gewinnen sie etwas Gemeinsames, das sie verbindet. Das gibt Halt: Nationalbewusste Menschen können nie ganz scheitern. So sehr ihr persönliches Leben misslungen sein mag, sie bleiben immer noch ein stolzer USA-Bürger, Brite, Franzose, Pole oder Türke. Dieses national Gemeinsame geht über die profane Tatsache hinaus, dass sie Menschen, vernunftbegabte Lebewesen sind. Dann wäre das Gemeinsame der Kosmos, das Universum, und man könnte die, die das Sich-Beziehen auf einzelne Nationen als schädlich betrachten, fragen, warum es dann gut sein soll, den blauen Planeten Erde aus der Gesamtheit des Universums herauszuheben.

Weil wir Menschen eben immer etwas Konkretes brauchen, mit dem wir uns identifizieren können. Das beginnt mit unserer Familie und reicht bis zur großen „Familie“ einer Kultur-, Mentalitäts- und Sprachgemeinschaft, der Nation. Arthur Schopenhauer, ein deutscher Philosoph, der mir wichtig ist, irrt an der Stelle, an der er den Nationalstolz kritisiert, weil nur schwache Menschen, die nicht auf sich selbst stolz sein könnten, ihn bräuchten. Darin, in diesem arroganten Abheben von der Gemeinschaft, die ein Individuum erst „geschaffen“ hat, liegt der Krebsschaden des modernen westlichen Denkens. (Ich komme darauf in einem Extra-Beitrag zurück.)

Dazu kommt, wie ich schon in der kranken Gesellschaft schrieb: „Diese grundsätzliche Blick- und Fließrichtung des gesellschaftlichen Lebens [vom Gemeinschaftlichen zum Individuellen] bei uns gilt nicht primär, wie man denken könnte und sollte, für die, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen zu Opfern werden, sondern erstaunlicherweise mehr für die, die zu Tätern wurden, weil sie angeblich psychisch krank wären.“

Und da, in dieser Fließrichtung ist auch „die Katze beerdigt“ (oder der „Hund begraben“, wenn Sie nicht wie ich Katzenfan sind). Deshalb muss ich in diesem Beitrag noch einmal darauf zurückkommen. Sonst verschwimmt alles zu sehr dialektisch und alles und nichts ist wahr.

Das Verrückte ist, dass ich selbst ein ausgesprochener Individualist bin, mich immer am Rand der Gruppen aufgehalten hatte, zu denen ich gehörte. Aber deswegen wäre ich damals nie auf die Idee gekommen, einzelne individuelle Interessen oder auch ihre Summe über das Interesse der Gruppe (Familie, Klasse, Schule, Ort, Region, Nation) zu stellen. Heute mit der gesammelten Erfahrung eines Lebens tue ich das erst recht nicht.

Je kleiner eine Gruppe ist, desto eher ist die Ausnahme von der Regel möglich, dass sich doch einmal ein Einzelner über die Gruppe erheben muss (und soll und darf): Ein Mensch kann in eine sehr beschränkte Familie hineingeboren worden sein; er wird sich in seiner Jugend aus ihr befreien müssen und wollen, um ihr dann vielleicht später sogar als gleichberechtigter Partner behilflich sein zu können, die eigenen Beschränktheiten zu überwinden. Genauso kann ich Pech mit meiner Schulklasse haben, und in meiner Parallelklasse oder in einer unteren oder oberen sind viel (lebens)klügere „Burschen“ (männlich und weiblich).

Deswegen hatte der große ukrainisch-sowjetische Pädagoge Anton Semjonowitsch Makarenko immer die ganze Schule gemeint, wenn er vom „Kollektiv“ sprach. /1/ Er hat die generativen Altersunterschiede als eine Triebkraft der Persönlichkeitsentwicklung mitbedacht. Das Klassenkollektiv war bei ihm immer nur ein „Grundkollektiv“.

Wie individualistisch die westliche Pädagogik ist, zeigt sich schon daran, dass es bei ihr das „Kollektiv“ nur als  Klassen- und nicht als Schulkollektiv gibt. Das „Classroom-Management“ ergibt sich aus der Enge einer solchen Sichtweise. Viel wichtiger wäre ein Schul-Management, dass nicht jeder Lehrer das Rad für sich und seine Klasse neu erfinden muss, sondern gerade, weil schon viel in klassenübergreifenden Traditionen der Schule und benachbarter Jahrgänge geregelt ist, leicht noch besondere, individuelle Merkmale seiner Schüler und seiner Klasse hinzufügen kann.

Deswegen wird China den Kampf der Systeme gewinnen. Dort ist ganz klar geregelt, dass im Zweifel immer das Interesse der Gemeinschaft, der Familie, der Schule, der Nation über dem Interesse des einzelnen Ichs steht. Die Chinesen praktizieren das, was in Trumps Amerika auch immer mehr in den Blickpunkt gerät. Das ist sozusagen stilistisch richtig, von der Art und Weise des Denkens her. Ob die aktuellen Inhalte des Trumpschen Denkens richtig sind, ist eine zweite und andere Frage.

John F. Kennedy hatte es so schon gesagt:

„Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ Er soll es von einem Lehrer übernommen haben, dann passt es noch besser hierher. Wenn Sie „Land“ durch „Deutschland“ ersetzen, wird die ungeheuerliche Zumutung gegenüber den verwöhnten „Blagen“, wie Dieter Nuhr wahrscheinlich sagen würde, der deutschen Nation noch deutlicher.

Hier fließt das Leben ganz offensichtlich anders herum: Was kann ich denn bloß noch mehr für meine Kinder tun, fragen sich verzweifelte Eltern, bis sie von ihnen, wenn sie groß genug dafür geworden sind, im schlimmsten – aber gar nicht einmal so seltenen – Fall geschlagen werden.

Kinder und gerade die, die Probleme machen, da sie welche haben, weil sie keine Ordnung hatten, die sie hätten verinnerlichen können, müssen lernen, sich nach dem auszurichten und  „auszustrecken“, was in der Gemeinschaft üblich ist, zu der sie gehören. Das gilt zumindest und zuerst in Bezug auf etwas so Grundlegendes in der Mensch-Mensch-Beziehung wie das Rücksicht-Nehmen gegenüber dem anderen. Keine langen Begründungen, sondern Vorleben und Vormachen, wie es geht, und das mit dem optimistischen Gestus „Du gehörst zu uns und deswegen kannst du das auch“.

Allerdings: Und das haben die „guten Menschen“ noch nie verstanden: Ein Kind macht nur den nach, der stärker ist als es selbst und der sich zur Not durchsetzen kann, auf eine unaufgeregte, souveräne Art, die dann in der Regel auch sanft und ruhig bleiben kann. Das ist ein psychologisches Naturgesetz: Wir schauen nur zu dem auf, lernen nur von dem, der erfolgreicher ist als wir selbst es sind.

Im Gegensatz dazu besteht die Errungenschaft im westlichen, „freien“ Denken bei der Erziehung darin, zu begründen, warum ein Kind das gar nicht können kann, was es können soll, weil es nämlich ADHS und/oder Autismus (ASS) hat. Irgendein Grund findet sich immer, vielleicht auch die Pubertät oder dass ein Jugendlicher nicht mit seiner natürlichen Geschlechtlichkeit zurechtkommt. Alle diese Entwicklungskomplikationen sind etwas, das es über die Jahrhunderte vorher in Deutschland oder heute in China oder Indien kaum gab/gibt bzw. nur in einer solchen Form, die den Fortgang des gesellschaftlichen Lebens nicht wirklich, nicht in der Tiefe stört(e) und aufhielt/aufhält.

Eben deshalb, weil damals und dort sich die Menschen noch nach dem allgemein Üblichen „ausgestreckt“ haben und nicht umgedreht. Dem „fortschrittlichen“, freien Westen bleibt nichts anderes übrig, als sich zu wundern, dass sich die barmenden Prophezeiungen, wie furchtbar schwer das Leben durch ADHS, Autismus, Pubertät und Geschlechtlichkeit geworden sei, tatsächlich erfüllen und immer und immer noch mehr individuelle Psychologisierung und Heilpädagogisierung nötig sei, was dann die materiellen Möglichkeiten der Gesellschaft sprengt.

Eine Kollegin, Uta Frith, die das Konstrukt der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) in das pädagogisch-psychologische Denken eingeführt hatte, ist aus dieser „Loipe“ des fachlichen Denkens in Bezug auf Kinder und Jugendliche ausgestiegen. Es wurden einfach zu viele, die davon betroffen waren. Es ist „im Westen“ regelrecht erstrebenswert geworden, so diagnostiziert zu werden und nicht „stink normal“ zu sein, sondern etwas Besonderes respektive „Besseres“ mit diversen Ansprüchen auf eine „individuelle“ Förderung. Inzwischen ist es wahrscheinlich leichter möglich, die Schüler in einer Klasse zu bestimmen, die tendenziell eher nicht unter ASS oder ADHS leiden als die, bei denen es so ist bzw. so sein soll.

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Deutschland wird von Jahr zu Jahr tiefer in der Rangreihe der Nationen bezüglich mathematischer und/oder sprachlicher Fähigkeiten seiner Jugend nach unten durchgereicht. Die Nr. 3 bezüglich des Bruttosozialprodukts in der Welt, nämlich Deutschland, wird bald nicht einmal mehr zu den ersten Zehn gehören.

Das hatte die DDR immer stolz von sich behauptet. Alles fügt sich. Wer DDR-Politik macht, landet schließlich auch auf dem Platz, der ihm gebührt.

Hauptsache, wir haben hier in Deutschland den CO-2-Ausstoß verringert, weil der ja auch an der Grenze Halt macht, und Hauptsache, wir hatten alle individuellen Entwicklungsbesonderheiten der Kinder berücksichtigt. Hauptsache, die ganze Gesellschaft hatte sich genug zu ihren individuellen Problemfällen hin ausgestreckt. Das sei die Garantie für ein erfolgreiches gutes Leben, sagen unsere demokratischen Eliten der „Mitte“ (also unsere „Mittemäßigen“).

Nein, das ist Dekadenz, westliche Dekadenz, ein Scheitern in und an der Vollversorgung, ein Scheitern in und durch Überdruss, durch Langeweile, weil das Leben sowieso gesichert ist, egal was einer macht oder nicht. Wer den individuellen Anspruch auf ein schönes Leben, das für die Mehrheit der anderen Erdenbewohner schon der reine Luxus ist, für wichtiger hält als gesellschaftliche Notwendigkeiten, muss und wird scheitern.

Es war im Februar 1978. Ich war mit dem Zug unterwegs. In Angermünde blieben wir in Schneewehen stecken. Wir haben in einer Gaststätte übernachtet. Ich hatte meinen Trabbi in der Nähe vom Bahnhof abgestellt. Ein junger Mann, den ich gerade erst dort kennengelernt hatte, und ich beschlossen, es zu riskieren und mit meinem Trabant am nächsten Morgen bei Sonnenschein einen „Ausbruchversuch“ zu unternehmen. Damals gab es in der DDR noch keine Winterreifen. Ich wusste, dass ich nicht zum Stehen kommen durfte, weil ich dann das Anfahren mit durchdrehenden Rädern nicht geschafft hätte.

Ich hatte mich seit Jahren nicht mehr so lebendig gefühlt. Ein Räumpanzer kam uns entgegen, wir rutschten in den Straßengraben. Ein netter Traktorfahrer von der LPG holte uns wieder heraus. Beim Anbringen des Abschleppseils verlor ich ein Brillenglas; egal, das war Leben, und wir schafften es wenigstens wieder zurück zum Bahnhof. Am nächsten Morgen bin ich die 25 Kilometer durch eine freundliche Winterlandschaft nach Hause gewandert, und ich habe es geschafft. Das Auto habe ich später nachgeholt.

Ich bin überzeugt, wenn man apathische Menschen, die zu nichts Lust haben und sich zu nichts aufraffen können, vor eine solche Herausforderung stellen würde, sie zum Beispiel im Zelt mit einem Schlafsack zu zweit im tiefen Wald zurücklassen würde, mit nur einem Brot und Wasser, sie würden sich aufraffen, sie würden wieder „aufwachen“ und lernen, die Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen, ohne Sozialarbeiter, die ständig und immer für sie „da sind“.

Ich halte mich für einen „Schulmeister“ der alten Garde, für einen erfahrenen „Handwerker der Erziehung“. Es gehört zu meinem Berufsstolz, intuitiv zu erahnen, was ein junger Mensch, den ich erziehe, gut ertragen kann, wenn ich ihn zu einer höheren Stufe seiner Persönlichkeitsentwicklung führe. Und sicherheitshalber nehme ich schon eine Spanne vorher Druck heraus. Die Kunst ist, neben der Intuition, die nötige, optimistische Geduld zu haben und dann immer wieder neu, Stück für Stück, anfangen zu können.

Insofern kann und will ich persönliche, individuelle Besonderheiten beachten beim Ausrichten eines einzelnen jungen Menschen auf die Gemeinschaft hin, ohne ihnen aber medizinische Namen geben zu müssen und zu wollen.

 

Fußnote

/1/ Von ihm gab es im Übrigen in der Bundesrepublik Deutschland früher und vollständiger eine Werkausgabe auf Deutsch als in der DDR.