Auf einem langen Osterspaziergang vor ein paar Jahren sind mir diese Gedanken gekommen.
Das, was in der Überschrift steht (dass nichts bleibt), ist gut so und gerecht, gerade auch im Sinne der Liebe, denn der Tod macht alle und alles gleich; da gibt es kein besser oder schlechter mehr, kein klüger oder dümmer.
Das Gleiche ist nicht nur das Ende, es ist auch der Anfang: Aus Gleichem hat sich das Leben mit seinen individuellen Charakteristika herausgebildet. Es hat mit dem Urknall begonnen.
Das gilt auch für jeden einzelnen Menschen, der nicht zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Er hat sich zwischen Geburt und Tod profiliert, das allerdings im Sinne einer Basis auch schon vorher durch die genetischen Eigenheiten des männlichen Samens und der weiblichen Eizellen, die sich zu neuem Leben verbunden haben. Der geborene einzelne Mensch hat das „Lebensmaterial“, das er vorfand, mit seinem eigenen speziellen Profil rückgeprägt, je mehr er sich mit dem Älter-Werden dem höchsten Punkt seiner Leistungsfähigkeit näherte, desto mehr; der eine „nur“ im engen Kreis des Privaten, indem er z.B. sein persönlich gestaltetes Gartengrundstück hinterlässt, der andere in etwas weiteren Kreisen, indem er z.B. Bücher verfasst oder Texte wie diesen ins Internet stellt.
Alles jedenfalls, (zer)fällt früher oder später ins Gleiche, Ununterscheidbare zurück und wo der Garten war, ist später nur noch Steppe und wo noch Deutsches im Internet war, sind nur noch die Sprachen anderer Nationen, die ihre gepflegt, geschützt und gefördert haben, bis schließlich alle Sprachen weg sind, weil das ganze Internet zurückgefallen ist in einen ununterscheidbaren, unkonturierten, unprofilierten „Brei“ von Zeichen, Lauten und Bildern. Das dauert wahrscheinlich Millionen Jahre, aber es ist der unvermeidliche Gang einer Gleichmacherei, die sich bzw. alles nach „unten“, zur Ausgangslage hin, einebnet. Höchstwahrscheinlich allerdings entstehen zu gleicher Zeit an anderen Stellen des Weltalls, auf neuen, von anderen vernunftbegabten Wesen bewohnten Planeten neue Zeichen, Laute und Bilder.
Wir alle wollen etwas schaffen, so lange wir leben, unsere Spuren in der Welt hinterlassen, uns selbst verwirklichen, das, was wir am besten können, zur Geltung bringen. Wer lebt, wer noch stark und leidenschaftlich lebt, ist eitel.
Der Lebenstrieb ist, psychologisch gesehen, zuerst und vor allem ein Geltungstrieb. „Guck’ mal, was ich kann!“, rufen die Kinder, die noch frisch in seinem Saft stehen. Das Sich-nicht-wichtig-Nehmen ist sympathischer, aber es ist dem Tod näher als dem Leben.
Wenn wir noch jung und stark sind, das zumindest seelisch, sind wir wie die Kinder, die im Sommer voller Eifer am Strand Burgen bauen. Und das ist gut so, sonst wäre die Welt ungestaltet, und was ist den Menschen da nicht alles an Schönem und Nützlichem gelungen, von Gebäuden aus Stein, einschließlich romantischen Burgen, über Geräte und Maschinen bis hin zu Fahr-, Schwimm- und Flugzeugen aller Art, zum Beispiel.
Und auch ich bin noch ziemlich lebendig, sonst würde ich mir nicht die Mühe machen, das, was ich mir bei einem Osterspaziergang vor einigen Jahren in mein Notizheft gekritzelt hatte, nicht nur in den Computer zu tippen, sondern auch noch hochzuladen auf diese Webseite. Wenn es nicht stimmen würde, dass sich alles Lebendige profilieren will, so lange es dazu noch in der Lage ist – und dazu braucht es unter Menschen den Anderen, der es bemerkt („Guck’ mal!“) -, würde es mir doch reichen, dass etwas, was ich für klug halte, in meinem Heft steht, dass ich selbst es weiß.
Das reicht mir aber eben ganz und gar nicht: Die Anderen sollen es auch wissen, was ich weiß und – vor allem – dass ich es weiß; darin zeigt sich die Beziehungsherstellungskraft bis hin zur Übergriffigkeit, die typisch ist für Vitalität. Sie erinnert mich an eine junge Schulklasse, in der sich „wie verrückt“ viele melden, weil sie dem Lehrer und den Mitschülern unbedingt zeigen wollen, was sie wissen.
Aber ist es nicht auch tröstlich, dass alles einmal verwischt und weggespült sein wird, weil es allen so geht, nicht nur mir zum Beispiel mit meinen beschränkten Profilierungsversuchen, sondern auch den Klügsten, den Genies der Weltgeschichte? Wir merken es allerdings nicht so schnell wie die Kinder, die staunen, wenn sie am nächsten Tag zum Strand zurückkehren: Fast alles ist weggespült und eingeebnet (vor allem, wenn es in der Nacht einen Sturm gab), was gestern noch so gegliedert und gestaltet war, so stolz in die Höhe ragte.
Die meisten wissen noch nicht einmal, wo und wie ihre Urgroßeltern gelebt und was sie gemacht haben. Von wegen, die Liebe ist stärker als der Tod. Das gilt rückwärts gerade mal für anderthalb Generationen! Ich hatte Pech. Ich habe nicht mehr meinen Großvater väterlicherseits kennengelernt, der sich im Alter von 59 Jahren im August 1945 im Wald nördlich seiner Wahlheimatstadt Brandenburg/Havel, meiner Geburtsstadt, erhängt hatte. Meine Tante, seine Tochter schwärmte davon, wie lieb und väterlich er gewesen sei. Zugleich war er dafür berüchtigt, wie gern er als Volksschullehrer den Rohrstock benutzte, um „ungehorsame“ Jungen zu bestrafen, besonders die aus den höheren Klassenstufen.
Einen lieben Opa hätte ich gut gebrauchen können. Der andere wohnte zu weit weg, ich sah ihn nur ein, zwei Mal im Jahr, und er starb auch früh; ich war noch nicht einmal 10 Jahre alt. Einen lieben Opa können alle gut gebrauchen. Hätte es mich gestört, wie „streng“ mein Brandenburger Opa zu den fremden Jungen war oder hätte es mir sogar gefallen? Das ist eine Falle, die das Schicksal den jungen Seelen stellt, die sich erst noch finden und profilieren müssen. Immer lauert die Versuchung, und die Irritation ist sowieso schon da. Das Leben hat diese Lebenschance „mit Falle“ für mich von vornherein eingeebnet. Mein naher Opa war nicht mehr auf dieser Welt, als ich sie erblickte.
Schade. Auch wenn etwas eine Versuchung und/oder Falle ist, sollten wir es kennenlernen, insofern es zugleich mit einer starken Liebe verbunden war. Die Einebnung kommt sowieso noch, die ist sicher, für jeden Einzelnen und wahrscheinlich sogar für unser ganzes Sonnensystem.
Davor gilt es zu kämpfen um das Gestalten, und das Erleben und Genießen des Gestalteten, mit allem erdenklichen Aufwand. Das gerade deshalb, weil wir sowieso sterben, weil wir unendlich länger tot waren, Milliarden Jahre, bevor wir geboren wurden, und genauso lange tot sein werden, nachdem wir gestorben sind. Das (menschliche) Leben ist ein kurzer Funkenschlag in der unendlichen und ewigen Finsternis des Seins, wie es Arthur Schopenhauer sagte. Aber so kurz dieser Funkenschlag auch nur sein möge, so lange er für ein einzelnes Leben andauert, wünsche ich mir den vollen Einsatz in ihm, gerade weil er verhältnismäßig so kurz ist.
Wenn der weiße Flieder wieder blüht – in ein paar Wochen, kann ich ihn gerade deshalb so genießen, weil ich genau weiß, wie kurz diese schöne Zeit, im Verhältnis zu meiner ganzen Lebenszeit, ist. Nutze die kurze Zeit, die du hast, gestalte sie, profiliere dich, auch mit Leidenschaft und Lebenslust, der unendliche Ozean des Nichts kommt früh genug wieder. Eine solche Leidenschaft habe ich vor Jahrzehnten in Budapest erlebt. Ich staunte über die wilde, verwegene Jagd der dortigen Rettungswagenfahrer; sie riskierten offensichtlich etwas für Menschen in Not im Unterschied zu den meisten deutschen, die bedächtig die Sicherheit an die erste Stelle setzen. Oder leben sie als temperamentvolle Magyaren nur ihren fahrerischen Geltungstrieb, ihre Fahrgestaltungslust aus? Egal, was als Motiv überwog, Hauptsache, es rettet Menschenleben. Ich hatte das noch vor der Wende so erlebt. Bald werde ich merken, ob sie immer noch so fahren. Ich glaube schon, denn Fahrstil ist Lebensstil.
Wenn es dann aber trotzdem mal zu Ende geht und Rettungsversuche nichts genutzt haben (vielleicht sind übereifrige Fahrer aus der Kurve geflogen), dann möchte ich mitgehen mit dem Strom des Lebens, der in den großen Ozean des gleichmütigen Nichts führt. „Gleichmut“ ist wie „Weh-“ und „Schwermut“ eine wunderbare Verbindung von Gegensätzlichem, das doch zusammengehört.
Friedrich Schiller: „Alles, was man über das Leben lernen kann, ist in drei Worte zu fassen: Es geht weiter.“
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Es geht um die Ausprägung des Profils unserer Persönlichkeiten, einerseits im eigenen Leben und andererseits auch in dem schon unserer Vorfahren. Auch diese haben etwas erlebt, das in ihrem Denken und Fühlen zu „Rillen“ und „Furchen“ führte und dann bei der Zeugung und Kindbildung im mütterlichen Leib an die nächste Generation weitergegeben wurde. Diese mentalen Einkerbungen mussten nur tief und fest genug sein, die Erlebnisse, die zu ihrer Bildung führten, nur intensiv und bedeutsam genug, im guten, lebensstärkenden Sinn ebenso wie im bösen, lebensgefährdenden. Diesem genetisch Vorveranlagtem nachzuspüren, ist schwer. Aber es ist wichtig, besonders dann, wenn die gleichen „Rinnen“ und „Furchen“ des Denkens und Erlebens im eigenen Leben weiter „eingegraben“, vertieft und gehärtet werden durch das, was in diesem neuen Leben davon wieder aufgegriffen und dadurch weiter profiliert wird. Ich sehe da bei mir, wie beschrieben und noch zu beschreiben, einiges Charakteristisches.
Solange ich Kindeskinder habe, bleibe ich also doch (erst einmal) und gern hier in diesem Leben. Aber selbst wer keine „eigenen“ leiblichen Kindeskinder mehr hat, kann in genetisch Fremden seine eigenen Lebens- und Denkarten wieder entdecken bzw. wenn ein solches Kindeskind älter geworden ist, geht das auch umgedreht.
Möglicherweise bleiben wir über diese „Querverflechtung“, die die genetische Längstachse überspringt und -brückt, alle miteinander doch länger, wenn wir Eigenes im zwar biologisch Unverwandten, aber seelisch Verwandten entdecken und alte Entdecker junge Unbedarfte befähigen, das später „rückwärts“ ihrerseits auch zu tun. Vielleicht ist das sogar besonders „prickelnd“ und intensiv wie immer, wenn Sich-Gleichendes sich trifft, das sich vorher noch nicht kannte, also einerseits ebenso erfrischend neu füreinander ist wie tiefenvertraut?