1993 hatte ich die Zusatzausbildung als Verkehrspsychologe bei AFN Köln abgeschlossen. Zum inhaltlichen Kern der Ausbildung gehörten die Lebensstilanalysen nach Alfred Adler. Der Gedanke dahinter ist, dass ein schädliches Verhalten im Straßenverkehr, zu viel Alkohol, Drogen, zu schnell, zu aggressiv, mit den Eigenarten des individuellen Lebensstils zu tun hat, die sich durch genetische Besonderheiten und die Prägungen in der Kindheit und Jugend herausgebildet haben.
Schon Alfred Adler selbst hatte frühe Kindheitserinnerungen als projektiven Test verwendet, um dem persönlichen Lebensstil eines Menschen auf die Spur und auf die Schliche zu kommen. Frühe Kindheitserinnerungen eignen sich deswegen gut dafür, weil sie emotional aufregend gewesen sein müssen, im guten oder auch im schlechten Sinn, wenn sie erinnert werden sollen. Sie geben also ein prägendes, zumindest wichtiges Stück aus der persönlichen Lebensgeschichte wieder.
Deswegen liegt der Gedanke nahe, im kausalen Sinn – weil ich das erlebt habe, wurde ich so – Schlussfolgerungen zu ziehen. Dieser naheliegende Gedanke ist irreführend wie auch der Begriff „Individualpsychologie“ für diesen Zweig der Tiefenpsychologie, den Alfred Adler begründet hat. Denn er hebt gerade auf das Gegenteil des Einzelnen ab, nämlich auf das sozial unteilbare Ganze, in das ein einzelner Mensch eingebunden ist. Je mehr ein Individuum ein Gefühl für die Gemeinschaften, die es hervorgebracht haben, entwickeln kann, vor allem für seine Familie und seine sonstigen „Lebenskameraden“, insbesondere vertrauten Freunde, desto psychisch gesünder und stabiler ist er.
Damit haben wir schon eine Generalerklärung für die Zunahme psychischer Probleme in der Gegenwart, denn typisch für diese ist die Atomisierung, die Abgrenzung einzelner Menschen von anderen einzelnen Menschen. Alles unter der Flagge der Individualisierung in Pädagogik und Psychologie, die angeblich der Königsweg wäre, um dem einzelnen Menschen gerecht zu werden. Das Gemeinschaftsgefühl ist nicht angesagt, dafür umso mehr sind es die vielfältigen Arten von Ich-Gefühlen, und das nach meinem persönlichen Gefühl vor allem in Deutschland, in dem es ja auch kein nationales Gemeinschaftsgefühl geben darf
Wenn es bei Alfred Adler nicht um Kausalitäten geht, worum dann? Um Finalitäten! Nicht „Warum?“ ist die entscheidende Frage, sondern „Wozu?“ Wozu habe ich dieses Symptom, diese Verhaltenseigenart ausgebildet? Welchen Sinn hat sie in meinem – bei den meisten weitgehend unbewussten – persönlichen Lebensplan?
Das zeigt sich exemplarisch, projektiv auch in den Kindheitserinnerungen. Ich wähle nicht die aus, von denen ich denke, dass sie mich geprägt haben, sondern die, deren Gefühlsfarbe und -Untergrund in das passt, was ich gegenwärtig – immer noch – denke und anstrebe. Das projiziere ich in alles, was ich sage, darstelle oder auch tue. Die Kindheitserinnerungen sagen also viel mehr darüber, wie es mir heute geht, als darüber, wie es mir damals als Kind gegangen ist. Bin ich heute ein selbstbewusster erfolgreicher Gewinner auf der „Straße des Lebens“, werden mir Erinnerungen einfallen, in denen ich genau das früher als Kind auch war. Bin ich heute ein Gescheiterter, ein Verlierer, der als Außenseiter am Rand seiner Welt steht, werden genau solche Erinnerungen aus meiner Kindheit in mein gegenwärtiges Bewusstsein „hochkommen“.
Alfred Adler hatte das spekulativ so vermutet. Die Tiefenpsychologie ist ja eher eine Philosophie als eine empirische Wissenschaft. Trotzdem wird ja keiner der Philosophie und ihren „Töchtern“ den Charakter als ernstzunehmende Wissenschaften absprechen.
Natürlich kann es sein, dass ich gerade mit jemanden über meine Kindheit gesprochen oder Fotoalben durchblättert habe. Und deswegen fällt mir vielleicht zuerst eine Kindheitserinnerung ein, die nicht mein gegenwärtiges Lebensgefühl abbildet, aber das sind Ausnahmen von der Regel. Mit etwas Abstand von solchen konkreten Aktionen bestimmt wieder das Grundgefühl meines jetzigen Lebens, warum ich von Tausenden möglichen Erinnerungen gerade jene gewählt habe mit dem Blick darauf, welche Position ich in diesem Bild der Erinnerung eingenommen hatte, was ich tat und was mir geschah und von wem und durch wen und in welche Stimmung in Bezug auf mich, den Schöpfer dieser Erinnerung, das alles getaucht war: in Ängstlichkeit, Selbstgewissheit, Stolz, Zuversicht oder Resignation, Verzagtheit, vielleicht sogar Verzweiflung?
Das ist das gleiche Prinzip, das auch bei der Traumanalyse zielführend ist. Die faktischen Details sind unwichtig, aber was ist das Grundgefühl des Traums, in welche mentale Stimmung färbt sie ihn? Wenn ich das verstehe, verstehe ich mich, wie ich jetzt ticke und vielleicht schon immer getickt habe.
Dazu brauche ich Intuition, eine Empathie mit mir selbst. Der „im Westen“ angelernte Individualist ist beziehungsunfähig, er kann nicht einmal Beziehungen zu sich selbst aufnehmen, weil es immer so ist: Alle höherentwickelten Eigen-Schaften, die nicht schon vollständig genetisch angelegt waren, entstehen im praktischen eigenen Tun in der „aufgespannten“ Beziehung zum Mitmenschen: Wer nicht von anderen zuerst geliebt wurde und dann diese zurückgeliebt hat, kann nie lernen, sich selbst zu lieben. Das gleiche gilt für das Selbstvertrauen und die Selbstbeherrschung: Wer nie von Mitmenschen beherrscht wurde, die ihm emotional positiv zugewandt waren und denen er vertrauen konnte, wird nie lernen, sich selbst zu beherrschen.
Diese Erkenntnis ist eine Zumutung für die Menschen-Kenner des modernen Westens, die glauben, alle Erziehungsprobleme seien nur lösbar, indem sich die Erziehenden immer besser an die individuellen Besonderheiten und „Bedürfnisse“ der zu Erziehenden anpassen. Das stimmt nur dann, wenn unter „Bedürfnissen“ auch der Bedarf an Führung und leitenden Strukturen verstanden werden kann. Die Lebens- und Erziehungskunst besteht darin, unausgebildete Persönlichkeiten zu befähigen, sich an das anzupassen, was in den Gemeinschaften angesagt ist, die sie tragen, also in ihrer Familie, in ihrem Kindergarten und ihrer Schule, in ihrer Region und in ihrer Nation. Erst wenn das geschehen ist, können sie im zweiten Schritt die sie umgebenden Gemeinschaften „kraft ihrer individuellen Wassersuppe“ kritisch verbessern. Die Kenntnis der individuellen Besonderheiten der zu Erziehenden (und auch der Erziehenden) ist die Voraussetzung dafür, dass der erste Schritt gelingt, und sie hilft als Selbsterkenntnis auch, dass der zweite erfolgreich wird.
Der erste Schritt ist insofern richtig und wichtig, um den übergeordneten Vorgang der Einfügung individueller Strebungen in die sie tragenden Gemeinschaften zu ermöglichen und zu fördern. Wie sieht das aus mit den Ritualen, Strukturen und Umgangsformen, die Kindern helfen, sich in die Gemeinschaften einzuordnen, die sie hervorgebracht haben? Das eine Kind braucht engere Strukturen und Umgangsformen, das andere weitere; ein Kind lernt auf einmal viel, das andere jeweils nur in kleinen Schritten. Alle Kinder brauchen regelmäßige Wiederholungen und Festigungen, das eine aber in kürzeren Intervallen und weiter gestreckt auf verschiedene Anwendungsgebiete, das andere in längeren Intervallen und eng bezogen zunächst auf die einzelnen zu trainierenden Muster, die gerade dran sind. .
Immer wenn es um Menschen, ihre Beziehungen zueinander, einschließlich Erziehungen, geht, ist Intuition auf die Dauer richtiger als das angeblich Sichere, faktisch genau Aufgeteilte. Der Mensch als soziales und psychisches Wesen kann nicht allein und auch nicht zuerst „wissenschaftlich“ empirisch zergliedert werden. Der künstlerisch-philosophische, ganzheitliche Blick ist wichtiger als Ausgangs- und Endpunkt des Erkennens und Verstehens als die „fachliche“ Aufspaltung menschlicher Persönlichkeiten. Er ist mit dem „gesunden“, praktischen oder alltäglichen Menschenverstand verbunden. Einem Kind zum Beispiel, das sich nicht konzentrieren kann, muss dann vor lauter „Fachlichkeit“ nicht gleich ADHS untergeschoben werden. Oder das Leiden eines Kindes, das von seiner Umwelt als Mittelpunkt behandelt wird und dadurch verlernt, auch die Bedürfnisse seiner Mitmenschen in Betracht zu ziehen, muss dann nicht gleich zu einer Autismus-Spektrum-Störung aufgeblasen werden. (Die Schöpferin dieses Begriffes warnt inzwischen selbst vor seinem Gebrauch.) Es gibt diese Störungen „in echt“, als neuronale Funktionsstörungen, die in der frühen Kindheit entstanden. Aber noch mehr gibt es sie heute in Deutschland als Pseudo-ADHS und Pseudo-Autismus.
Das Schlimme ist, dass Kinder, die so eingestuft werden, wie bei einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung tatsächlich immer unkonzentrierter und „autistischer“ werden. Das ist vielleicht der wichtigste Grund, warum Deutschland, so wie es jetzt ist, keine Zukunft hat.
Wo war ich? Es kommt wieder alles hinein, was mich berührt, insbesondere das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft und dass eine Gesellschaft nicht glücklich werden kann, die vergisst, dass sich Individuen nur gesund entwickeln, wenn sie wissen und noch wissen wollen, welche Gemeinschaften, zuerst ihre Eltern, ihnen zum Leben verholfen haben und wie sie sich nun dafür ihrerseits „revanchieren“, was sie also für die Gemeinschaften, zu denen sie gehören, tun können.
Ausgangspunkt war die Projektion: Das ganze Leben ist ein projektiver Test. Man lernt, wenn man alt ist, nicht mehr so viel neu dazu. Aber in der letzten Woche habe ich gleich zwei „Sachen“ im Zusammenhang mit der Projektion neu verstanden:
Erstens: In der LVZ stand am 24.03.26, Seite 8, ein Beitrag zum Zusammenhang zwischen dem Körperwachstum Jugendlicher und dem persönlichen Bewusstsein von sich selbst. Wer sich in seiner Position im sozialen Umfeld stark und selbstbewusst sieht, stolz auf sich ist und daran glaubt, dass er sich erfolgreich weiterentwickeln wird, ist nicht nur mental groß und raumausgreifend, sondern zeigt das auch körperlich bzw. wird es bald zeigen. So lautet die These von Humanbiologin Christiane Scheffler von der Universität Potsdam und des Kinderarztes Michael Hermanussen aus Eckernförde. (Sie beschreiben und begründen dies in ihrem Buch „Größenwahn“, das im Springer Verlag erschienen ist.)
Das ist auch eine Form der Projektion, nämliche eine elementare: Das Seelische wird direkt ins Körperliche projiziert. Ich beobachte das zum Beispiel bei einem Kind, das im Mittelpunkt seiner Welt steht, es kriegt immer, was es will, und ist überzeugt, dass es keiner aufhalten kann. Die Eltern lasen ihm schon immer jeden Wunsch von den Augen ab und erfüllen ihm ihn, bevor er ihn überhaupt äußern kann. Dass er ausflippt, wenn er doch einmal nicht seinen Willen bekommt, schieben die Eltern auf eine ADHS.
Ein anderes Kind, das ich kenne, ist zwar sehr sportlich, aber auch ängstlich. Es geht seinen Weg durchs Leben, indem es sich bei Schwierigkeiten kleinmacht. Vorläufig tut das sein Körper auch. Ich bin guter Dinge, dass sich das mit der Entwicklung seines Selbst-Bewusstsein explosiv ändern wird.
Zweitens: In den „Sprachnachrichten“, Nr. 109 (I/2026), dem Vierteljahresblatt des Vereins Deutsche Sprache, dem ich angehöre, stehen mehrere Beiträge über die Bedeutung der Handschrift. Sie hängt mit dem fließenden Denken und seiner schrittweisen „Verfertigung“ beim Schreiben viel mehr zusammen als das Schreiben in Druckbuchstaben, das die „moderne“ deutsche Bildungswelt gerade favorisiert. Das nur nebenbei. Worum es mir im Kontext der Projizierung jetzt geht, ist die Aussage im Beitrag „Was unsere Schrift über uns verrät“ (S. 11): „Die Handschrift ist ‚fixierte Körpersprache'“, anders gesagt: Ins Körperliche geronnene Mentalität.
Schon immer habe ich in meinen besonderen Aufbauseminaren, in denen die Teilnehmer ihre Poster, große plakative Übersichten, selbst mit Edding-Stiften ausfüllen, über die großen Unterschiede der Schriften gestaunt. Erst jetzt verstehe ich, dass das ähnlich ist wie eine Kindheitserinnerung oder ein Traum, ganz persönlich gefärbt mit den mentalen Merkmalen des Schreibers. Ich selbst habe eine ziemlich wilde, unordentliche Schrift. Ich erkenne darin meine Eigenwilligkeit, meinen Widerwillen gegen Ein- und Unterordnung.
Am meisten staune ich über junge Männer, die sehr „ordentlich“, regelrecht schön schreiben. In der Regel sind das auch die, die sich insgesamt an Regeln halten können und wollen, die in ihrer Kindheit und Jugend eine Erziehung „genossen“ hatten, in der sich nicht gleichberechtigte Partner der Erziehungsverantwortlichen waren, sondern bei ihnen noch der intuitive, „gesunde“ Menschenverstand galt, wer die Verantwortung trägt, muss auch führen können und wollen und kann nicht alles „gleichberechtigt“ ausdiskutieren wollen.
Ich werde nun meinerseits viel selbstbewusster, mental großräumiger und intuitiv-lockerer die Analyse der Schrift in mein Nachdenken über mich und die Teilnehmer einbeziehen. (Gelegenheit dazu habe ich schon an diesem Sonnabend.)