Die soziale Ordnung ist die Grundlage und mit ihr die Sicherheit; erst danach ist eine individuelle Freiheit möglich, die weiterführt. Und davor, sozusagen in der Null- oder Präambel-Ebene, kommt das Wohlwollen und der Optimismus. Das ist das Geheimnis jeder gelingenden Be- und Erziehung – auf jeden Fall auf zwischenmenschlicher Ebene, wahrscheinlich auch auf zwischenstaatlicher.

Ich leite noch regelmäßig besondere Aufbauseminare mit Fahranfängern, deren Delikte in der Probezeit mit Fahren unter Alkohol- und/oder dem Einfluss illegaler Drogen verbunden waren. Im Allgemeinen ist das ein schönes Arbeiten: Ich kann meine Gedanken in Ruhe ausführen, genauso wie die Teilnehmer. Ich werde dabei kreativ, wie das immer nur dann möglich ist, wenn ein Sprechender keine Angst haben muss, unterbrochen und missachtet zu werden. Erst die Sicherheit ermöglicht Freiheit, auch gedankliche, die Freude am äußerlichen – sprachlichen – Entfalten der eigenen Ideen.

Wunderbar, dieses Zugewandtsein, diese freundliche Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung, des Für-Möglich-Haltens, dass der Andere noch etwas Interessantes sagen wird und kann und der Geduld, darauf warten zu können, die sensiblen Gemütern wie mir erst den Raum gibt, dass sich Gedanken bilden, dass sie sich verbinden und dabei wachsen können.

Das weiß ich und trotzdem hatte ich bei einem meiner letzten Seminare etwas einreißen lassen, das mir das – die Ordnung ist die Grundlage der Freiheit – erst wieder bewusst werden ließ. So lange etwas „flutscht“, fällt es uns nicht auf, halten wir es für selbstverständlich. Aber wenn es stockt, wenn es Probleme gibt, wird es uns wieder bewusst:

Das Feinsinnige muss mit der Macht verbunden sein, eine solche Ordnung der freundlichen Geduld auch durchzusetzen. Wer beleidigt und stört, wird – erst freundlich und dann streng – ermahnt. Kriegt er sich dann immer noch nicht ein, muss es praktische Konsequenzen geben.

In unseren Schulen funktioniert das nicht (mehr), weil dort immer individuelle Gründe gesucht und gefunden werden, warum einzelne Schüler, die nicht selten allerdings in der Mehrzahl sind, so handeln und so handeln müssen. Das ist tragisch, weil diesen a) dadurch der nötige „natürliche“ Zug oder Sog des Lebens genommen wird, sich korrigieren zu müssen (warum sollte ich das, wenn ich medizinisch-psychologisch anerkannte Gründe für mein Veralten habe?) und weil b) die aufmerksamen Mitschüler dann am Lernen gehindert werden. Auch hier also steht in unserer West-Gesellschaft der Täterschutz weit über dem Opferschutz.

Und außerdem ist eine wirkliche Individualisierung nur möglich, wenn in der Gruppe erst einmal Ordnung und Ruhe herrschen, wenigstens grundlegend und weitgehend.

Das habe ich alles schon gewusst; sie war mir aus meinen frühen Lehrerjahren tief eingeprägt, diese Hilflosigkeit gegenüber rücksichtslosen Egomanen, die Gespräche bzw. den Unterricht stören und alle am Erkennen und Lernen hindern. Es sind nicht primär mehr oder weniger komplizierte didaktische Fehlleistungen, die die Effektivität des Unterrichts mindern, sondern es ist diese Rücksichtslosigkeit und Unaufmerksamkeit, diese generelle Unerzogenheit, die in deutschen Schulen seit Jahrzehnten zugenommen hat und ebenso lange hingenommen wird.

Schon vor Jahren stellte der Schulpsychologe Gustav Keller fest, dass der störungsbedingte Ausfall an den Schulen etwa 35 Prozent der Unterrichtszeit beträgt. Wie viel wird das heute sein? Damals waren es schon ca. 15 Minuten pro Unterrichtsstunde. Gustav Keller rechnet vor, dass jede Unterrichtsstunde den deutschen Staat ca. 75 Euro kostet. Da kommen, hochgerechnet auf alle Unterrichtsstunden, knapp 17 Milliarden Euro zusammen; sie gehen verloren, nur weil den Kindern und Jugendlichen von Seiten der Erwachsenen rigoros ihre gute Erziehung verweigert wird. Und das betrifft nur die Verluste, die durch die Störung des Unterrichts entstehen, nicht die oft noch viel schlimmeren Schäden an Leib und Leben, die durch unkontrollierte Triebimpulse, Unerzogenheit, die zu Jugendgewalt führt, entstehen.

Auch den angeblich psychisch beeinträchtigten Störern könnte man am besten helfen, wenn dieses Verhalten rigoros geahndet werden würde, sofort wenn es auftritt. Das wäre mal eine wirksame „Verhaltenstherapie“ im besten Sinne des Wortes: wer nach der freundlichen und dann strengen Ermahnung weiter stört, „fliegt“ raus. Er kommt in einen „Besinnungsraum“, in dem ein dafür spezialisierter Pädagoge bereitsteht, oder er muss schlimmstenfalls von seinen Eltern abgeholt werden. Das hat dann Vorrang vor allem anderen, wie wenn ein Kind in der Schule akut erkrankt ist oder sich schwer verletzt hat. Dann müssten auch einmal die Eltern den Preis dafür bezahlen, die sich nicht um die gute Erziehung ihrer Kinder wenigstens bemühen.

Wer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ (Faust II) – das gilt für die Kinder genauso wie für die Eltern und die Lehrer. Wer aber Erziehung und das Bemühen darum verweigert, muss den Preis dafür selbst bezahlen und kann die Kosten dafür nicht beständig weiter auf die Gesellschaft und die Schule abwälzen.

Das wäre zu einfach. So leicht ginge das nicht. Doch! Wenn die Verantwortlichen es nur wollten, wenn nur der gesellschaftliche Wille da wäre, das endlich anzupacken. Aber so läuft das hier nicht, noch ist die Erziehungs- und Bildungskatastrophe in Deutschland nicht groß genug. Noch können sich sogenannte „Experten“ mit pastoraler Schwülstigkeit wichtig tun: die Würde verhaltensorigineller (= gewalttätiger) Kinder sei unantastbar. Die Kinder, die durch sie verletzt wurden, und ihre Eltern sollen nicht so einen Aufstand machen, sondern sich über die regenbogenhafte „Buntheit“ der Verletzungen, von rot, blau über grün bis hin zu gelb, freuen. Und die verantwortlichen Politiker, die tatsächliche Veränderungen nicht riskieren wollen, weil sie sich dabei die Finger verbrennen könnten, verstecken sich hinter solchen Verständnis barmenden Experten (nicht ungerecht werden, Ralf, sie können auch konsequent sein, bei den Opfern ist ihr Verständnis nämlich aufgebraucht).

Jetzt hatte ich also selbst wieder den Fehler gemacht, obwohl das Arbeiten mit jungen Erwachsenen in den besonderen Aufbauseminaren mit höchstens 12 Teilnehmern ein Luxus ist im Vergleich zur Arbeit mit 28 Kindern, von denen ein Teil nicht erzogen ist und nicht erzogen werden soll. Die einen wollen konkret und kurzfristig etwas, nämlich ihre Teilnahmebescheinigung, damit sie ihren Führerschein wiederkriegen oder behalten können.

Die anderen wissen oft nicht, was sie wollen und müssen ununterbrochen bei Laune gehalten werden, als ob der Lehrer ein Computerspiel wäre. Also eigentlich sind das ideale Bedingungen für mich. Aber: Wer sich daran gewöhnt, dass etwas leicht ist und ohne große Anstrengung funktioniert, kann träge und unaufmerksam werden.

Ich war bei besagtem Seminar, wo ich etwas „einreißen“ ließ, zu selbstsicher geworden, habe nicht aufgepasst und nicht entschlossen und deutlich genug den Anfängen eines falschen Verhaltens gewehrt. Das hätte ich leicht machen können, aber ich war irgendwie zu faul und zu harmoniesüchtig. Ein sehr extravertierter Teilnehmer quatschte immer wieder mit seinen Nachbarn.

Ich bin der lockere, lässige Chef in der Runde. Dieses Bild wollte ich unbedingt aufrecht erhalten und nicht den autoritären „Boss“ herauskehren. Also lachen wir drüber, über die unverschämte Rücksichtslosigkeit, wir wollen uns doch nicht die schöne Stimmung im Kurs versauen lassen. Ich hätte von Anfang an die zwei, drei (von zehn), die durch Quatschen gestört hatten, bremsen müssen, so entschlossen und deutlich, wie ich das vom Staat verlange in Bezug auf die Schule (siehe oben). Und ich hatte die Mittel und habe sie doch nicht benutzt.

Wer wird denn gleich böse werden?, hatte ich mir gedacht. Die Störer haben doch bestimmt ihren individuellen Grund, warum sie quatschen. Also passe ich mich ihnen an und schon ist der Konflikt gelöst. Nein! Ich habe mir geschworen, im nächsten Seminar gleich Tacheles zu reden – das geht auch auf eine freundlich-ruhige, vielleicht sogar humorvolle Art -, damit es wieder so schön wird, wie es immer war und damit ich die Richtigkeit der Überschrift dieses Beitrags für mich wieder neu bestätigen kann.