Wahrscheinlich geht beides, das Philosophische und das Psychologische, nur zusammen. Da in meinem Denken das großräumig Spekulativ-Weite und „Dunstige“, das fließend ins Andere „überläuft“, gegenüber ordentlich und genau abgeteilten kleinen Einheiten, die sich exakt zählen und messen lassen, überwiegt, bin ich wahrscheinlich mehr Philosoph als Psychologe.
Meinem beziehungsorientierten, vereinnahmenden „Übergangswesen“ entspricht, dass ich alles, was mir im Leben wichtig war, mit einem Freund zusammen tun wollte. Das fing an, als ich fünf, sechs Jahre alt war. In unser Mehrfamilienhaus, in dem wir zur Miete am südlichen Stadtrand von Brandenburg/Havel wohnten, in der Wilhelmsdorfer Vorstadt, zog in die obere Dachwohnung eine Familie mit zwei kleinen Kindern ein, ein Junge und ein gerade geborenes Mädchen. Es war ein schönes Haus mit sechs Mietparteien, ein Unikat, das sich so in der Straße und in ganz Brandenburg nicht wiederfand.
Nur einmal, als ich vor ein paar Jahren in meinen Auto-Straßenatlas alte Straßen von Franken in Bayern nach Böhmen im heutigen Tschechien suchte und eine ganz dünn eingezeichnete fand, die nach Asch führte – es waren nur noch wenige, einzelne Reste des Teerasphalts auf dem übrig, was heute nur noch ein breiter Waldweg ist -, staunte ich, als ich in Asch zu Fuß angekommen war, über eine Straße dort, die mit ihren Häusern der Rochowstraße in Brandenburg ähnelte.
Fast alle Häuser in meiner Straße mit Rotdornbäumen unterschieden sich also voneinander, außer ihre hintere Hälfte auf der Straßenseite, wo unser Haus stand. Aber auch diese Häuser waren etwas Besonderes, keine Massenware von der Stange. Ich wohnte sehr gern in diesem Haus und dieser Straße. An ihrem hinteren Ende führte sie in eine andere kleine Straße, die dann nach kurzer Distanz, vielleicht 10 Meter, zu einem Bahnübergang an der Hauptstrecke Berlin-Magdeburg führte. Das dritte Gleis gehörte (und gehört immer noch) zur Nebenstrecke Brandenburg-Rathenow. Auf allen diesen drei Gleisen fuhren die Züge in relativ kurzem Abstand.
Es gab zu meiner Kinderzeit in den fünfziger und sechziger (und wahrscheinlich auch noch 70-er) Jahren des vergangenen Jahrhunderts dort ein Schrankenwärterhäuschen. Für mich als Junge war es irgendwie romantisch, wenn ich im Winter den Schrankenwärter Kohlen hineintragen sah. Ich weiß nicht mehr, ob der Rauch aus dem kleinen Schornstein aufstieg – ich glaube heute, dass es so war, es würde gut ins Bild passen-, jedenfalls kam mir dieses Schrankenwärterhäuschen gemütlich und heimelig vor; ich stellte mir auch vor, wie sich der alte kleine Mann, als den ich ihn in Erinnerung habe, nachts Tee kochte und die Kanne auf dem Ofen warm hielt.
Aber das Besondere, was ich eigentlich sagen will, kommt erst noch: Wenn er die Schranken herunterkurbelte, klang es „bim-bam-bim-bam“ viel lauter und eindringlicher als heute, wo es eine automatische Schrankenschließungsanlage gibt. Dieses Geräusch ist vielleicht das schönste in meinem Leben, direkt vor dem sanften Säuseln der Blätter im Wind oder zugleich mit ihm. Es wird gesagt, dass das Gehör die letzte Verbindung eines Sterbenden zur Welt, zu seinem Leben ist.
Es wäre in der Tat wunder-schön, wenn ich dieses Geräusch als letztes hören könnte, vielleicht sogar noch verbunden mit sanftem Blätterrauschen und Glockenklang, von weit her wehend. (Das bin wieder typisch Ich: Ich kann nicht genug kriegen: vielleicht neutralisieren sich die verschiedenen Abarten des einen Schönen sogar gegenseitig, wenn mein Wunsch in Erfüllung ginge?)
Das war ein geborgenes Zuhause-Gefühl: Ich liege im kuscheligen Federbett. Für unsere Mutter, aus Oberlungwitz, einer kleinen sächsischen Stadt in der Nähe von Chemnitz, stammend, waren warme, dicke Federbetten ganz wichtig. Das war ein Faibel, den sie von ihrer Mutter übernommen hatte. Ich hörte durch das Fenster, das prinzipiell wenigstens einen Spalt offen war, auch im Winter, um die gemütliche Federbettwärme besser zu genießen, beim Einschlafen öfter einmal dieses Bim-bam-bim-Bam und bald danach den Zug kommen. Bis in die 70-er Jahre wurde er überwiegend von einer Dampflok gezogen.
Schamlos, wie ich auf meine alten Tage geworden bin, kann ich heute die Analogie aussprechen, von der ich als Kind und auch Jugendlicher nicht aufgrund eigener Erfahrungen, sondern nur im übergenerativen oder archetypischen Sinn eine „Ahnung“ gehabt haben kann: Das Bim-bam-bim-Bam war eine Art lustvolles Vorspiel zu dem, was sich dann laut und kräftig auf den Schienen ergießen sollte, zu dem, was dort mächtig anrollte. Und ich war geborgen und sicher, sicherer noch als der alte, kleine Mann in seinem warmen Häuschen, denn er war sehr nah dran an der großen „Ergießung“. Es rumpelte bestimmt gewaltig bei ihm und der Boden wackelte, wenn der Zug nahe vorbeifuhr. Aber der kleine Mann musste ja sowieso draußen an der Kurbel während der Vorbeifahrt des Zuges stehen und den Lokführer grüßen. Das ist ja auch sehr sinnvoll. So konnte immer überprüft werden, ob der Schrankenwärter noch fit auf seinem Posten war.
Bei mir war es gerade der richtige Abstand zu den Schienen. Ich schätze, es waren 300 oder 400 Meter: Ich hörte alles laut und deutlich und war doch ein gutes Stück weg. Das gefällt mir auch an Kirchenglocken oder Rathausuhren, ein wenig verweht soll der Klang sein, aber noch deutlich verständlich, dass es auch, den entsprechenden Willen vorausgesetzt, möglich wäre, die Zahl der schlagenden Stunden im Halbschlaf mitzuzählen.
Aber das alles, so wichtig es mir ist, habe ich nur nebenbei aufgeschrieben: Die Hauptsache an diesem Beitrag ist meine zwanghafte Partnerschaftlichkeit, dass ich schon immer jemanden brauchte, den ich an die Hand nehmen konnte auf dem Weg des Lebens und der mich genauso an die Hand nahm. Ich bin etwas Besonderes, wie irgendwie jeder Mensch. (Wenn ich ehrlich bin, bilde ich mir aber ein, was besonders Besonderes zu sein.)
Weiß Gott, ich bin es in vielerlei Hinsicht und jeweils ausgeprägt. Es wird, zum Beispiel, kaum einen sechs-, siebenjährigen Jungen geben, weder damals noch heute, der gegenüber einer Horde Gleichaltriger oder ein wenig Älterer darauf besteht, dass sein drei Jahre jüngerer Freund aber mitspielen können muss bei „Räuber und Putzi“, mit Schießen natürlich. Dann begannen die endlosen Streitereien 10 Meter oder 20 Meter Schussweite und war einer noch drin in diesem Bereich oder nicht? „Du bist tot! Ich hab‘ dich getroffen!“ – „Nein überhaupt nicht, ich war hinterm Baum!“ Ewige, endlose, sinnlose Streitereien. Ich gehörte zu denen, die trotzdem nicht auf die „Pisti“ – sagten wir so? Ich bin mir nicht sicher – verzichten wollten.
Ich hatte von einer Westtante meines jungen Freundes nur einen leichten Trommelrevolver aus Plaste abbekommen, wofür ich, zurecht, wie ich heute weiß, trotzdem sehr dankbar war. Er hatte den kompakten aus „Silber“, wie es uns schien. Dieser Revolver lag schwer in der Hand, ein angenehmes Gefühl für einen offenbar urmilitaristischen Typen wie mich. In beide Revolver konnte man Zündplätzchenrollen einlegen. (Ich glaube, sie waren auch in der DDR erhältlich.) Für dieses Gefühl, obwohl ich es ja nur von meinem kleinen Kameraden borgen konnte, nahm ich auch die endlosen Streitereien in Kauf, so dass wir von zwei Stunden Räuber-und-Putzi-Spiel ca. anderthalb Stunden herumstritten.
Einmal staunte ich, wie leicht ich so einen Streit für mich entscheiden konnte. Ich hatte auf einem Stück verwilderten Hof hinter unserem Haus ein schönes Versteck gefunden, fühlte mich ganz sicher und genoss es. Plötzlich stand Hartmut, ein etwas älterer Junge, der unter uns wohnte, hinter mir und überraschte mich mit einem „Peng, peng! Du bist tot!“ Ich ärgerte mich sehr (über mich), weil er sich unbemerkt hatte anschleichen können:
„Gar nicht! Ich habe dich schon vorher erschossen mit einer ‚Mauserpistole‘!“ Wir dachten damals, dass es sich dabei um eine lautlose Waffe mit Schallschutz handelte. „Deswegen habe ich nicht ‚peng, peng!‘ gerufen. Du hast es gar nicht gehört, dass ich dich erschossen habe“. Das hatte ich eher aus trotzigem Beleidigt-Sein und nicht Verlieren-Können behauptet. Ich staune heute noch, dass ich damals damit durchgekommen war und der ein Jahr ältere Hartmut klein beigegeben hatte.
Das waren Zeiten. Ich glaube, heute gibt es keine Horden Jungen mehr, die Räuber und Putzi spielen. Jedenfalls, und darum geht es vor allem: ich hatte an meiner Seite immer den kleinen Freund, führte und beschützte ihn.
*
Das setzte sich über die Jahre so fort, bis ich ihn mit meiner Makarenko-Begeisterung ansteckte. Ich hatte den Roman „Der Weg ins Leben“ gelesen und war fasziniert von der Durchdringung starker Ränder, die sich eigentlich gegenseitig ausschlossen. Meine Abneigung gegen laue und „goldene“ Mitten rührt von daher. Eine einzige Minute zu spät zu erscheinen, hatte eine konsequente Strafe zur Folge: Wegen dir haben 30 Leute gewartet, das sind schon mal dreißig Minuten.
Und das bewusste Pflegen von Hierarchien in Makarenkos Kommune faszinierte mich: Zöglinge, die noch nicht als Kommunarden in die Gemeinschaft aufgenommen worden waren, Rekruten sozusagen, die noch keine „Gefreiten“ waren, konnten auf „unfeine“, direkte Weise mit Diensten aller Art, Küchen- oder Gartenarbeiten zum Beispiel, bestraft werden. Für Kommunarden kam das nicht in Frage, sie hatten eine Würde, ihr Fehlverhalten konnte nur mit Arrest im Arbeitszimmer des Chefs geahndet werden. Sie durften entscheiden, wann sie ihn antreten und achteten selbst darauf, ob und wann die Zeit herum war. Niemals wäre es Makarenko oder einem anderen Erzieher in den Sinn gekommen, ihnen zu misstrauen.
Strenge, und zwar richtig, und zugleich volles Vertrauen für die, die es sich erarbeitet hatten. Das ist die Mischung, die weiterführt. Ich glaube, mein alter junger Freund hatte das nie richtig verstanden, erst recht dann nicht mehr, als er in den Westen übergesiedelt war, in dem es ganz andere Rahmungen des pädagogischen Denkens gab. (Je länger er dort war, desto mehr wähnte er sich darüber erhaben, und glaubte, Probleme durch immer ausgeklügelte Individualisierungen lösen zu können.)
Es ist wahrscheinlich typisch Mensch, zu sicher zu sein, wenn man von etwas richtig überzeugt ist, dass es nahe und vertraute Menschen auch so sehen. Mein Kinder- und Jugendfreund war für mich offenkundig auch wichtiger als ich für ihn. Er hatte in seiner Jugend noch andere starke Lebenspartner, vor allem seine Mutter. Ich meinerseits hatte mich von meinen Eltern abgenabelt. Ihre Denkweise, vor allem ihre politische und philosophische, unterschieden sich von meiner grundlegend.
Er hatte eine starke, intelligente Mutter, sie beeinflusste ihn länger und intensiver als meine Eltern mich. Sie hielt mich für einen „Spinner“, und ich glaube heute, auch ihrem Sohn war, zumindest in seinem Unterbewusstsein, klar, dass es zu einer Umsetzung der großen Plänen, die ich mit ihm ausheckte, nie kommen würde, dass wir zum Beispiel zusammen an eine Schule in Mecklenburg gehen, um dort Makarenkos Pädagogik unter DDR-Bedingungen zu praktizieren.
Ich weiß noch, wie entsetzt ich war, als ich von meiner Mutter, die mit seiner befreundet war, erfuhr, dass sie für meinen jungen „Busenfreund“ in einem anderen Haus der Rochowstraße, in das inzwischen die Familie umgezogen war, oben im Dach eine Wohnung ausbauen wollte. Sie war auf ihre Weise auch ein „Spinner“, denn das war in der DDR unmöglich, in einem wohnungsgenossenschaftlichen Haus privat eine Wohnung im Dach auszubauen, jedenfalls in den 70-er Jahren. Aber sie hatte es ernsthaft vor, und ich war maßlos enttäuscht, dass mein vertrauter Freund offensichtlich gar nicht mit nach Mecklenburg kommen, sondern lieber bei seiner Mutti bleiben wollte.
Da hätte ich schon wissen können und müssen, dass die Verwirklichung gemeinsamer Lebensprojekte mit ihm nicht möglich ist. Das ist ja auch sein gutes Recht, andere Lebenspläne zu haben als ich, aber er sagte es mir nicht, und mein Wunschdenken war einfach zu stark. Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich bin der Karl Marx, der seinen Friedrich Engels braucht, – oder umgedreht, mir hat immer die 1b-Position gereicht (was, glaube ich, er mir nie abgenommen hat) – , der Goethe, der seinen Schiller braucht, – oder umgedreht. Ich bin ein absolut treuer „Ehetyp“, einer, der am liebsten zu zweit durch das Leben gehen will, häuslich und beruflich. (Wenn sich meine erste Frau, die Mutter meiner Söhne, nicht von mir getrennt hätte, wäre ich immer noch mit ihr zusammen.)
In meinen verkehrspsychologischen Seminaren höre ich immer wieder Geschichten über ein Scheitern in der Liebe und/oder im Beruf als die Ursache von Alkohol- oder Drogenmissbrauch (der dann im Straßenverkehr auffiel), weil ein Mensch sich zu viel allein zugemutet und aufgeladen hat. Ich frage denjenigen, mich und die anderen dann immer wieder verwundert, warum haben Sie sich denn keinen Vize oder „Ersten Stellvertreter“ (nicht die Nummer 2, sondern die Nummer 1b) aufgebaut? Das ist mein Lebensprinzip: Erfolg, Ruhm, Gewinn zu teilen, ebenso wie den Misserfolg, die Schande und den Verlust.
Mein alter, jüngerer Gefährte ist offenbar nicht so ein Zweiertyp, der sich auf einen ausgesuchten Mitmenschen beziehen will. Im erotischen Sinn vielleicht schon, aber nicht im kollegial-freundschaftlichen. In diesem Kontext trifft er die wichtigen Lebensentscheidungen lieber für sich allein.
Ich halte mein Lebensprinzip für richtiger, obwohl ich damit immer wieder gescheitert bin. Regelmäßig habe ich später bei meiner Arbeit an der Pädagogischen Hochschule zum Beispiel Freunde und Kollegen als Mitautoren an wissenschaftlichen Texten beteiligt, obwohl die Idee von mir war und auch die Ausführung weit überwiegend. Da steckt auch viel Gönnerhaftigkeit, Selbstüberschätzung und Angeberei von meiner Seite aus mit drin: Guck mal, wie großzügig ich bin, du darfst von mir mit profitieren, weil du selbst ja doch nicht so originell denken und schreiben kannst.
Gescheiterte Nationen, oder auch von vielen anderen abgelehnte, bringen, so scheint es mir, besonders viele Ich-Menschen hervor, die ihre Lebensaufgaben lieber für sich selbst lösen wollen. Ein Pole, ein Türke, Franzose, Brite, Russe oder Chinese hat ja wegen der nationalen Zusammengehörigkeit von vornherein schon eine Beziehung zum Landsmann, eine kulturell weite Form eines Zuhauses. Ganz allein ist er also sowieso nie, auch wenn er persönlich gescheitert sein sollte; er ist dann immer noch ein stolzer Pole, Türke, Franzose usw. Das wollen die meisten Deutschen nicht, das haben sie nicht nötig, denken sie, obwohl sie das Scheitern so direkt persönlich, zielgenau trifft, nicht abgedämpft durch eine Gemeinschaft.
Und ein solches Scheitern ist zerstörerischer als eins durch verschiedene Schichten der Gemeinschaftlichkeit (Familie, Kollegen, Freunde, Landsleute) abgemildertes. Das könnte ein Grund sein, warum die Sterblichkeit in Deutschland höher ist als in anderen Ländern mit vergleichbarer medizinischer Versorgung.
Beziehungen, auch solche kulturell großräumigen, geben der persönlichen Eitelkeit einen Rahmen und Halt. Ich bin der Überzeugung, dass die Eitelkeit die wichtigste Triebkraft des Lebens ist. Sie erhält durch Beziehungen die Möglichkeit, sich auszuleben, und sie wird durch eine Vielzahl von Beziehungen auf verschiedenen Ebenen und Qualitäten kultiviert. Die Kunst ist, es so einzurichten, dass auch die anderen tatsächlich etwas von der persönlichen Lust haben, sich eitel zur Geltung zu bringen. (Das ist so wie, dass eine gute und anhaltende Ökologie am besten durch eine gute und effektive Ökonomie gesichert werden kann.)
Die echteste uneigennütziger Mitmenschlichkeiten ist nach meiner Meinung also die, die aus der eigenen, egoistischen Lust entstanden ist. Das gilt für alle Menschen, aber besonders für die Starken hinsichtlich ihrer Sinneseindrücke und ihrer Gefühle. Das sind dann auch die Eigen-Sinnigen. Ich helfe dir, aber ich habe selbst etwas davon, zum Beispiel weil du mir gefällst. Sicher, das ist ungerecht: Nicht alle Menschen helfen gleichermaßen allen anderen. Irgendwie müssen sie auch „ihr Typ“ sein, wenn es nicht gerade um Leben oder Tod geht. Ich fürchte, so sind die Welt und das Leben.
Ich glaube, besonders deutlich zeigt sich das bei der Sexualität, dem erotischen Begehren. Es gibt einer ganzen, menschlichen Liebe erst die richtige Leidenschaft. Ausgangspunkt ist die eigene Lust, der egoistische Genuss. Das ist die natürliche Energie, die Triebkraft und trotzdem kann daraus uneigennützige Liebe, eine echte Lebenskameradschaft werden, die einen Menschen wirklich große Opfer für den anderen geliebten Menschen bringen lässt:
Aus persönlicher, ich-bezogener Lust wird innigliche seelische Verbundenheit, die die engen Grenzen des Egos überwinden kann, und daraus entsteht dann eine echte, praktisch realisierte Verantwortung der Tat für den anderen. Aber das wäre nicht möglich gewesen ohne die Energie der persönlichen Lust am erst nur sinnlich und später ganz-menschlich geliebten Lebenspartner.
Dass Eitelkeit, dass Geltungsstreben die Triebkraft des Lebens sind, sehe ich überall und immer wieder, bei realen Gefährten meines Lebens als auch bei Kunstfiguren in Romanen und Filmen. Nur so entsteht – freundlich gesagt: – eine Leidenschaft, böse gesagt: eine Sucht- und Zwanghaftigkeit bei allem, was uns wichtig ist: Bei mir erkenne ich das an der Intensität erotischer Gedankenspiele und Träume, bei meinem alten jungen Freund in einer suchtartigen Zwanghaftigkeit seines Tuns. Zur Zeit hat sich das bei ihm auf das öffentliche Schreiben verlegt.
Ich habe dieses Feld – das öffentliche Schreiben – schon länger belegt wie auch jetzt wieder hier auf dieser Seite. Ich war in meinem Leben bei weitem nicht so in der Tat zur Geltung gekommen, wie ihm das gelang. Obwohl, da bin ich ungerecht gegenüber meiner Verkehrspsychologie. Es war mir nicht von Anfang an bewusst, aber sie ist natürlich auch eine Gelegenheit, praktisch zur Geltung zu kommen, genauso wie die pädagogische Psychologie, da auch sie eine sehr bodenständige Form der Beratung ist, die die Entwicklung von Menschen betrifft. Die Verkehrspsychologie ist praktisch bodenständig, weil das Sich-Bewegen im Straßenverkehr, motorisiert oder nicht, eine „körpersprachlche“ Ausdrucksform der Persönlichkeit ist, noch näher, direkter dran an ihr als der Ausdruck mit Hilfe der Sprache.
Ich staune, dass sich mein alter junger Lebenskumpel bei seiner starken (Lebens)Lust, sich selbst verwirklichen zu wollen, vor anderen Süchten (Alkohol und weitere Drogen, Spiel und Mediensüchte) bewahren konnte. Vielleicht steht mir ein solches Urteil nicht zu, und ich kann mich auch irren. Aber da ich der Beziehungstyp, der Zweiertyp, bin, möchte ich mich immer im Bezug zum gewählten Anderen definieren. Ich ziehe mich nicht selbst am eigenen Schopf aus dem Lebenssumpf.
Jetzt wissen Sie etwas Wichtiges von mir und können mich so und dann vielleicht auch als Verkehrspsychologe besser verstehen, wenn Sie sich von mir beraten lassen.
Ich setze diese Gedanken über mich und das Leben fort.